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Steigende Kohlepreise: Eintagsfliege oder anhaltender Trend?

Der Anstieg der internationalen Kraftwerkskohlenpreise seit August / September 2003 setzt sich auch zu Beginn dieses Jahres weiter fort. Die Spotpreise frei ARA-Häfen für Kesselkohlen haben sich binnen eines Jahres nahezu verdoppelt und liegen derzeit bei etwa 80 US$/t SKE. Für Kokskohlenkontrakte häufen sich die Rekordmeldungen - insbesondere aus Asien. Jüngste Kontrakte australischer und kanadischer Lieferanten mit japanischen Stahlerzeugern, denen international eine Preis setzende Funktion zugerechnet wird, enthalten Preisaufschläge von 25 % bis 28 % - und das bei Lieferbindungen von bis zu fünf Jahren. Spotmarktpreise für amerikanische Kokskohlenlieferungen erreichen Preise bis zu 110 US$/t (FOB). Für Koks konnte ein chinesischer Händler zuletzt gar 405 US$/t erzielen.

Für die Abnehmer im Euroraum wurde die Preis-Hausse vom kräftigen Anstieg des Euro-Kurses gegenüber dem US$ bisher etwas gedämpft. Immerhin verblieb auch hier noch für Kraftwerkskohlen ein Anstieg von 66 % gegenüber dem Vorjahreswert. Die Spotmarktpreise für Kraftwerkskohle frei Nordwesteuropa notierten im Februar um rund 64 €/t SKE (cif).

Hintergrund der Preis-Hausse waren eine witterungsbedingt anziehende Nachfrage Europas Mitte letzten Jahres und eine äußerst dynamische Nachfrage Asiens, verstärkt durch die Schließung einer Reihe von Kernkraftwerken in Japan. Hinzu kamen verschiedene Angebotsverengungen der für den internationalen Kohlehandel bedeutendsten Lieferregionen und einiger großer Exporteure. Zudem haben sich die Frachtraten in den vergangenen 12 Monaten nahezu verdreifacht. Die hohen Frachtraten zeichnen auch dafür verantwortlich, dass sich zwei stärker voneinander abgegrenzte Märkte für Kesselkohlen im pazifischen und im atlantischen Raum herausbilden. Australien, Indonesien und China beliefern vorrangig den asiatischen Markt - Südafrika, Kolumbien und die USA vorrangig den europäischen Markt.

Wie werden sich die wesentlichen Einflussfaktoren auf den Märkten für Kraftwerks-, Kokskohlen und Koks sowie die Frachtraten in 2004 und darüber hinaus entwickeln?


Allgemein scheint sich der Kohlenmarkt von einem Käufer- zu einem Verkäufermarkt gewandelt zu haben. Ursächlich ist hier die zunehmende Konzentration auf wenige bedeutende Lieferländer und die fortschreitende Konsolidierung global tätiger Bergbaukonzerne bei weltweit wachsendem Kohlebedarf. Allein die fünf größten westlichen Kohlekonzerne vereinen mittlerweile ein Kohlenangebot von etwa 520 Mio. t/p.a. auf sich. 70 % des Kohlenseehandels (Volumen in 2003: 630 Mio. t) werden inzwischen von den 13 größten Exporteuren abgewickelt und fast 90 % entfallen auf die sechs genannten Liefernationen.

China, der weltgrößte Kohleproduzent, ist in wenigen Jahren zum zweitgrößten Kohlenexporteur aufgestiegen. In 2003 sollen über 90 Mio. t in den internationalen Handel gegangen sein. Doch der Wirtschaftsboom Chinas – Wachstum in 2003 etwa 9 % - erfordert auch ein entsprechendes Rohstoffangebot. Daher will die chinesische Regierung den Kohlenexport in diesem Jahr auf 80 Mio. t begrenzen. Infolge dessen müssen sich vor allem die asiatischen Verbraucher um alternative Quellen bemühen.

Australien hat derzeit infrastruktur- und produktionsbedingte Probleme die Lücke zu schließen. Zudem soll die Kapazität des Exporthafens Newcastle beschränkt werden, um den Stau von bis zu 50 Schiffen, die auf ihre Abfertigung warten, aufzulösen. Die Hauptnutzer des Hafens sind die global tätigen Bergbaukonzerne Rio Tinto und Xstrata, die die Kosten treibenden Wartezeiten von derzeit etwa 2 Wochen eliminieren wollen. Eine Einschränkung der Exportkapazität um 8 Mio. t/p.a. (9%) wird daher erwartet. Start soll im April sein. Auch Indonesien befindet sich bei anhaltend niedrigem Investitionsniveau in einer engen Angebotssituation, die die angespannte Lage im pazifischen Raum zusätzlich verschärft.

Kolumbien wird wie im Vorjahr zur Angebotsausweitung am atlantischen Markt beitragen können, vorausgesetzt die politischen Risiken und der hohe Investitionsbedarf für den Ausbau der Infrastruktur werden bewältigt. Ein Zuwachs der Exporte von bis zu 9 Mio. t auf 53 Mio. t erscheint möglich. 60 % der Exporte gehen nach Europa und decken dort etwa ein Sechstel der Kohlenimporte. Knapp 30 % entfallen auf die USA, deren Bedeutung als Abnehmer kolumbianischer Kohle in den letzten fünf Jahren deutlich gewachsen ist. Zum einen sprechen US-Umweltauflagen für den Einsatz schwefelarmer Kohle aus Kolumbien. Zum anderen bieten küstennahe Kraftwerke in den USA bei hohen Inlandspreisen für Gas und Kohle und aufgrund ihrer relativen Nähe derzeit lukrative Absatzgebiete für kolumbianische Kohle. Zunehmend ziehen auch die Exporte aus den USA wieder an, sowohl in Richtung Europa als auch in Richtung Japan. In deren Folge treten bereits auch Verknappungen auf dem amerikanischen Markt auf.

Südafrikas Exportkapazitäten sind weitgehend ausgelastet, sowohl seitens der Produktion als auch auf Seiten der Exportinfrastruktur. Künftiges Wachstum ist abhängig von der Bewältigung fördertechnischer Herausforderungen und Erfolgen beim „Black Economic Empowerment“. Zudem scheint jetzt bald der lange verzögerte weitere Ausbau des Richards Bay Coal Terminals (RBCT) angegangen und das Exportpotential ausgeweitet zu werden. An den Exporten Südafrikas wird sich verstärkt die Konkurrenz des europäischen Marktes mit dem asiatischen Markt zeigen. Nachdem im ersten Halbjahr 2004 erstmals seit langem wieder südafrikanische Kohle in den pazifischen Raum geliefert wird, erwarten südafrikanische Exporteure ein spürbares Anziehen ihrer Lieferungen in Richtung Asien, um dort fehlende Mengen aus China zu ersetzen.

Russland, Polen und die Ukraine werden die Umstrukturierung ihrer Kohlenindustrien fortsetzen, so dass von dieser Seite eher eine weitere Verknappung des Angebots für den europäischen Markt zu erwarten ist.

Die Förderung von Kokskohle hält mit dem weltweiten Nachfrageanstieg aus der Stahlindustrie nicht Schritt. Chinas Stahlverbrauch stieg im vergangenen Jahr um über 20 % und führte zu Lieferengpässen bei Kokskohlen. China importierte im Jahr 2003 mit 2,6 Mio. t erstmals nennenswerte Mengen - überwiegend aus Australien und verursachte damit einige Verunsicherung an den Märkten. Allein die Furcht vor einem Ausfall chinesischer Koksexporteure, die anstelle des Exports den gestiegenen Bedarf heimischer Stahlwerke decken könnten, hat die Preise empor schnellen lassen und bereits zu Produktionseinschränkungen einiger Stahlwerke in den USA und in Indien geführt. Zugleich scheint auch das Kokskohlenangebot aus Russland und aufgrund des Winterwetters aktuell auch aus Kanada zu stocken. So wird berichtet, dass auch die Ukraine zur Überbrückung von Lieferengpässen aus Russland in diesem Jahr 2 Mio. t Kokskohlen aus Australien abnehmen will.

Das hohe Kokskohlenpreisniveau hat bereits zur Bildung eines Spotmarktes für Kokskohlen beigetragen, mit dem Produzenten die derzeitige Marktsituation ausnutzen wollen. Noch sind allerdings große Teile der internationalen Stahlindustrie aufgrund langfristiger Lieferkontrakte aus dem vergangenen Jahr von den rasant steigenden Kokskohlenpreisen nicht betroffen.

Für die kommenden Jahre wird ein anhaltend knappes Angebot erwartet bei weiter steigender Nachfrage. Im internationalen Kokskohlenhandel kontrollieren die acht größten Produzenten mittlerweile 60 % des Volumens. Es wird erwartet, dass Elk Valley Coal (Kanada) und BHP Billiton-Mitsubishi Alliance (BMA, Australien) die dominierenden Produzenten von Exportkokskohlen bleiben werden. Kanada wird allerdings nur geringes Steigerungspotential zugetraut, so dass Australien seine führende Position weiter ausbauen dürfte. Einige US-Produzenten dürften als „swing producer“ am internationalen Kokskohlenmarkt auftreten.

Der Druck auf die Frachtraten wird, so die übereinstimmende Einschätzung der Experten, noch länger anhalten. Ursächlich für die hohen Frachtraten sind die enorm gestiegenen Rohstoffimporte Chinas, die bei anhaltendem Wirtschaftswachstum und Boom in der Stahlindustrie auch künftig zu einer Verknappung des Schiffsraums führen werden. Ein bedeutender Anteil der weltweit zur Verfügung stehenden Capesize-Frachter sind z. Zt. mit Eisenerzimporten für die chinesische Stahlindustrie ausgelastet. Auch wenn die Auftragsbücher der Werften auf eine deutliche Ausweitung der Schüttgut-Flotte in 2004/05 hinweisen, ist anzunehmen, dass der wachsende Kokskohlenbedarf Chinas die Frachtraten hochhält. Auch eine merkliche Entlastung seitens der Ölpreise zeichnet sich bislang nicht ab.

Seitens der Wechselkurse wird der Druck auf die Kohlenpreise weiter anhalten. Die relative Schwäche des US$ gegenüber dem südafrikanischen Rand und dem australischen Dollar führte bei den großen global tätigen Bergbaukonzernen bereits zu erheblichen Gewinneinbußen. Die Umsätze mit australischer Kohle gaben in den letzten zwei Jahren auf Basis des australischen Dollars um 40 % für Kraftwerkskohlen und 25 % für Kokskohlen nach. Die aktuellen Wechselkurse werden auch weiterhin das Angebot aus Australien und Südafrika begrenzt halten und eine Ausweitung der Exportkapazitäten verzögern. Auch Kanada, Indonesien und Russland sind aufgrund der US-Dollarschwäche gezwungen, die Fördermengen zu beschränken.

Eintagsfliege oder anhaltender Trend? Zumindest mittelfristig ist ein weiterhin festes Preisniveau zu erwarten. Für Kokskohlen gilt dies weitaus stärker als für Kraftwerkskohlen.

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