Sichere Energie - wichtiger denn je

W. Reichel: Steinkohle - Basis für die Zukunft

Veröffentlicht im Brennstoffspiegel 03/2003; begleitende Illustrationen vgl. GVSt-Jahresbericht "Steinkohle 2002")

Während die Welt mit angehaltenem Atem auf den Konfliktherd Irak blickt und die Spannungen die Ölpreise schütteln, führt der Steinkohlemarkt in der öffentlichen Diskussion eher ein Schattendasein. Dies entspricht allerdings weder seiner Bedeutung für die deutsche Energieversorgung noch den tatsächlichen Risiken, die dieser Bereich weltweit in sich birgt. Notwendig sind verlässliche und langfristig kalkulierbare politische Rahmenbedingungen. Der folgende Beitrag ist ein Auszug aus dem Referat „Die Steinkohle im Spannungsfeld der Wettbewerbs- und Umweltpolitik“, das der Autor anlässlich des Neu-Ulmer Energietages am 30. Januar 2003 gehalten hat.


Energiepolitik ist Standortpolitik im umfassendsten Sinn. Die Verfügung über Energiequellen verleiht zugleich politische Macht. Diese Seite der Energie, nämlich Risiko und Konflikt, wird bei uns ungern oder nur oberflächlich diskutiert. Man hält sich lieber heraus. So ist der in Deutschland beschlossene Atomausstieg kein Anlass gewesen, den weltweit wachsenden Energiebedarf und damit die Energieversorgungssicherheit als politisches Problem oberster Priorität zu identifizieren. So, als wäre die Sicherheit der reichen Gesellschaften, deren Energiebedarf auf Sicht gesättigt und gedeckt zu sein scheint, durch den weltweit wachsenden Energiebedarf nicht tangiert oder gar gefährdet. Auf europäischer Ebene erfolgtdagegen eine Neubesinnung.

EU zeigt Problembewusstsein

Die EU-Kommission, die nach dem EG-Vertrag gar keine eigene Zuständigkeit für Energiepolitik besitzt, hat die wachsende Importabhängigkeit bei Energie als nicht mehr hinnehmbar bezeichnet. Die EU-Kommission, genauer die für Verkehr und Energie zuständige Vizepräsidentin Loyola de Palacio, sah sich wegen der Aktivitäten der für Umweltschutz zuständigen Instanzen gar veranlasst, im Vorfeld der europäischen Erweiterung mit einem Grünbuch die verdrängte Frage zur künftigen Versorgungssicherheit aufzuwerfen, einschließlich der Frage der künftigen Rolle der Steinkohle in Europa.

Das Ergebnis stimmt mit den maßgeblichen Prognosen großer Energieunternehmen und internationaler Organisationen überein:

1. Solange die Weltbevölkerung noch wächst, also in den nächsten 40 bis 50 Jahren, wird der Weltenergiebedarf wachsen. Das Bevölkerungswachstum und der Nachholbedarf vieler Länder werden zu einer Verdoppelung oder mehr führen.

2. Den zuwachsenden Bedarf werden in der Hauptsache die Energieträger Öl, Gas und Kohle decken müssen und das auch können. Dem steht die grundlegende Erkenntnis, dass die Vorräte fossiler Brennstoffe endlich sind, nicht entgegen. Allerdings sind regionale Verteilungsprobleme und auch preisliche Risiken nicht auszuschließen. Die Abhängigkeit von Energieimporten steigt sowohl in Europa wie auch in den USA.

3. Die Energiegewinnung aus regenerativen Quellen lässt sich nicht beliebig steigern und verstetigen. Das gilt insbesondere in unseren Breiten. Meteorologische und andere physikalische Gründe können durch politische Beschlüsse nicht außer Kraft gesetzt werden.

4. Gleichwohl bleibt es richtig, die Forschung voranzutreiben, allerdings nicht nur im Bereich der regenerativen Energien.

Der Ausstieg aus der Nutzung der heimischen Kohle ist für die spanische Kommissarin auch mit Blick auf die EU-Erweiterung um mehrere Kohleländer keine wünschbare Entwicklung.

Risiken des Steinkohlemarktes richtig einschätzen

Der Weltkohlenverbrauch liegt heute bei 3,2 Mrd. t SKE jährlich. In den nächsten 30 Jahren wird laut Internationaler Energieagentur (IEA) ein Anstieg um fast 60 Prozent auf 5,2 Mrd. t SKE erwartet.

Während bei Öl und Gas durchaus die Einsicht weit verbreitet ist, dass die hohe und zunehmende Importabhängigkeit Preis- und Lieferrisiken birgt, die ökologische, soziale und volkswirtschaftliche Auswirkungen haben können, ist für den Weltkohlenmarkt häufig zu hören, dieser funktioniere gut. Eine solche Auffassung ist bei genauerem Hinschauen jedoch zu undifferenziert. Während Öl und Gas seit Beginn ihrer Nutzung globale oder zumindest interregionale Handelsgüter sind, geht derzeit nur rd. 17 Prozent der Produktion von Steinkohle in den Handel. Über 80 Prozent der weltweit breit gestreuten Produktion an Steinkohlen wird in den Förderländern selbst verbraucht. Von den Vorräten wie auch von der Förderung entfallen 60 Prozent auf die USA, China, Indien und auf Australien. Auch bei Kohle können grundsätzlich Lieferanten- wie Länderrisiken entstehen, die von der deutschen Politik nicht kontrollierbar sind. Das schränkt auch die Verfügbarkeit der Auslandskohle ein, die von deutschen Unternehmen in den USA, Australien oder Venezuela abgebaut wird und in der Regel nicht für den deutschen Markt bestimmt ist. Ein aktuelles Beispiel war unlängst der Förderstopp in Paso Diablo in Venezuela als Folge des Generalstreiks.

Die fortschreitende Konzentration von Unternehmen auf der Angebotsseite des Weltkohlenhandels und die Nachfragekonkurrenz anderer Regionen sowie heutiger Entwicklungs- und Schwellenländer machen eine Prognose, ob den Industrieländern bei Preisgabe ihrer eigenen Kohlevorkommen auf Dauer günstige Importe zur Verfügung stehen, schwer. Die Preis- und Gewinnaussichten auf dem Weltkohlenmarkt bestimmen, ob rechtzeitig und ausreichend in neue Exportkapazitäten investiert wird. Diese Erwartungen sind heute ungewisser denn je. Einerseits ist durch die Klimadebatte und durch die Liberalisierung der Energiemärkte ein verstärkter Druck auf Kohlenpreise und möglicherweise auf den Absatz zu erwarten. Andererseits treiben notwendige Neuaufschlüsse, Infrastrukturinvestitionen bei tendenziell schwieriger werdenden geologischen Bedingungen sowie die Umwelt- und Sicherheitsanforderungen die Kosten hoch.

Nicht zuletzt ist die Entwicklung der Preise von Öl und Gas auf den Weltmärkten die große Unbekannte. Wer wollte ernsthaft bezweifeln, dass diese primär politischen Einflüssen unterliegen. Der globale Wettbewerb hat hier viele Facetten.

In Deutschland überwiegen die Steinkohlenimporte

Der deutsche Steinkohlenmarkt ist heute mit einem Verbrauchsvolumen von 62 Mio. t pro Jahr der größte in der EU. Im Jahre 2001 ist eingetreten, was nach den politischen Vereinbarungen zur Kohle von 1997 vorhersehbar war: Der Anteil der Importkohle am Verbrauch war mit 55 Prozent höher als der der heimischen Kohle. Wenige Jahre vorher war das bereits in der EU insgesamt der Fall. Der Anpassungsprozess in der Steinkohlenförderung Westeuropas ist politisch vorgegeben und eröffnet der Importkohle Wachstumschancen. Hinzu kommt, dass der Markt für Kraftwerkskohle weltweit als Wachstumsmarkt gilt, an dem sich deutsche Unternehmen beteiligen wollen.

Die vorliegenden Prognosen unterstellen, dass der Steinkohlenverbrauch in Deutschland bis 2010 leicht rückläufig sein wird. Dabei ist etwa Prognos von einem relativ starken technologischen Strukturwandel in der Stahlindustrie mit rückläufigem Koks- und Kokskohlenverbrauch ausgegangen.

Nach 2010 erwarten die Prognosen wieder einen zunehmenden Bedarf an Steinkohle. Das beruht auf der Annahme, ein Teil der wegfallenden Kernenergie werde durch Steinkohlenimporte ersetzt. Esso beziffert den Steinkohlenverbrauch in Deutschland im Jahre 2020 z. B. auf 70 Mio. t.

Subventionen kontinuierlich zurückgefahren

Die Entwicklung der inländischen Steinkohle ist durch die nationale Kohlevereinbarung von 1997 bis 2005 vorgezeichnet mit einem Fördervermögen von 26 Mio. t. Durch die EU-Genehmigung der Kohlehilfen 2000 und 2001 ist ein weiterer Anpassungsprozess bis Ende 2007 in einer Größenordnung von vier Mio. t vorgegeben.

Für die Diskussion über eine nationale Anschlussregelung für die Zeit ab 2006 gibt es die grundsätzliche Zusage maßgeblicher Politiker aus der Regierung und der großen Oppositionspartei, dass man nicht an eine Aufgabe des deutschen Steinkohlenbergbaus denke, weil dann die größte einheimische Energiereserve nicht mehr zur Verfügung stünde. Unumstritten ist auch, dass ein lebender Steinkohlenbergbau bestens geeignet ist, bestehendes Know how und weltweit führendes technisches Können entlang der gesamten Kohlekette durch deutsche Unternehmen auch im weltweiten Maßstab zu nutzen, wie es der RAG-Konzern mit verschiedenen Töchtern tut. Der rechtliche Rahmen für eine nationale Anschlussregelung ab 2006 ist durch die am 7. Juni 2002 verabschiedete neue Beihilfeverordnung der EU gegeben. Diese Nachfolgeregelung ermöglicht im Bereich der Kohle nationale Beihilfen wie in vielen anderen Bereichen der Wirtschaft.

Dass der Steinkohlenbergbau bei den Forderungen nach Subventionsabbau gern an erster Stelle genannt wird, kann auch mit Informationsdefiziten über den Subventionsumfang in Deutschland zusammenhängen. Forderungen, die auf ein rasches Ende der Kohlebeihilfen aus haushaltspolitischen Erwägungen drängen, sind die Folgewirkungen von Stilllegungen auf andere öffentliche Haushalte entgegenzuhalten. Diese Folgewirkungen verhindern, dass kurzfristig Mittel für andere Verwendung frei werden.


Die EU erlaubt Beihilfen, die eine Preisangleichung an den Wettbewerbspreis der Importkohle ermöglichen. Vor dem Hintergrund der bereits seit Jahren rückläufigen Steinkohlesubventionen und der allgemeinen Vorgabe der Absenkung des Volumens an Betriebsbeihilfen bestehen mit der Importkohle keine Konfliktpotenziale mehr. Tatsächlich ist der gesamte Steinkohlenverbrauch in Deutschland aus ganz anderer Richtung gefährdet, nämlich durch Fehlentscheidungen, die mit ökologischen Argumenten begründet werden.

Wir brauchen jedoch in Deutschland weiterhin einen möglichst breit diversifizierten, ausgewogenen Energiemix. Dieser ist in absehbarer Zeit ohne Stein- und Braunkohle nicht denkbar, auch wenn es für die Kohle wie für alle anderen Energieträger keine festen Mengenvorgaben geben kann.

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