Gesamtverband Steinkohle

Keine Versorgungssicherheit durch Importkohle allein - Fakten und Argumente

Keine Versorgungssicherheit durch Importkohle allein – Fakten und Argumente
In der kohlepolitischen Diskussion wird immer wieder behauptet, dass der Steinkohlebeitrag zur Energieversorgungssicherung relativ problemlos auch von der Importkohle übernommen werden könnte.
Bei Erdöl und Erdgas ist inzwischen die Einsicht weit verbreitet, dass die hohe und zunehmende Importabhängigkeit erhebliche Preis- und Lieferrisiken birgt. Diese können wiederum schwer-wiegende negative volkswirtschaftliche und soziale Folgen haben, aber auch schlimme ökologische Auswirkungen (siehe unlängst die Havarie des Öltankers „Prestige“ vor der spanischen Küste). In Bezug auf den Weltkohlemarkt herrscht indes häufig immer noch die Auffassung vor, dieser sei stabil und funktioniere seit langem gut, die Vorräte seien weltweit gestreut und die Lieferungen kämen überwiegend aus politisch sicheren Ländern. Um eventuelle temporäre Störungen aufzufangen, wäre daher eine verstärkte Lagerbildung ausreichend. So argumentiert auch die IEA in ihrem im Dezember 2002 vorgelegten neuen Deutschland-Bericht und stützt darauf ihre Empfehlung, die Subventionen für die heimische Steinkohle auslaufen zu lassen. )
Eine solche Einschätzung ist jedoch zu undifferenziert. Richtig ist zwar, dass der Weltkohlemarkt seit langem gut funktioniert hat und durch eine hohe Preisstabilität gekennzeichnet ist, wenngleich es hier verschiedene Segmente mit unterschiedlichen Problemlagen gibt – den Weltkohlemarkt gibt es nicht.
Zutreffend ist auch, dass die Weltkohlevorräte und die Weltkohleproduktion weniger stark auf politische Unruhezonen konzentriert sind als Erdöl und Erdgas – allerdings entfallen bei der Hartkohle auf nur jeweils drei Länder über 60 % der weltweiten Produktion wie auch der Re-serven (nämlich auf die USA, China und Indien bzw. Australien )) – diese Konzentration in der Spitze ist sogar höher als die bei Erdöl, Erdgas und auch Uran ).
Die entscheidende Frage ist jedoch, ob und welche Kohleversorgungssicherheit bei vollständiger Importabhängigkeit bestehen würde. Klar ist, dass politische Unruhen und Konflikte, Terror oder gar Krieg auch den internationalen Kohlemarkt bzw. dessen maßgeblichen Produktions-, Verlade- oder Transportkapazitäten betreffen können. Und grundsätzlich können bei allen Produkten, die international gehandelt werden, so auch bei der Kohle, für die Kunden und Verbraucher hierzulande nur schwer überschaubare und von der deutschen Politik nicht kontrollierbare Lieferanten- wie auch Länderrisiken eintreten.
Letzteres schränkt auch die Verfügbarkeit der Auslandskohle ein, die von deutschen Unter-neh-men (z. B. in den USA, Venezuela oder Australien) abgebaut wird und die i. d. R. auch nicht für den deutschen Markt bestimmt ist.
Über diese politischen Risiken hinaus gibt es im Hinblick auf die deutschen und europäischen Ansprüche an die Versorgungskapazitäten des Weltkohlemarkts in der absehbaren Zukunft auch eine ganze Reihe von spezifischen ökonomischen Risiken:
• Ganz anders als bei Erdöl und Erdgas geht nur ein kleiner Teil, derzeit rd. 17 %, der Welt-steinkohlenförderung in den internationalen Handel, d. h. über 80 % der Weltproduktion werden in den Förderländern selbst verbraucht. Bis 2020 rechnet das US-Energieministerium (DOE) damit, dass die Handelsintensität des Weltkohlemarktes trotz eines leicht wachsenden Handelsvolumens auf etwa 12 % zurückgeht, also die Förderländer einen noch grö-ßeren Anteil selbst verbrauchen. Für den internationalen Markt, d. h. für den Bedarf anderer Länder, steht also nur eine relativ abnehmende Restgröße zur Verfügung.
• Als Nachfrager auf dem internationalen Kohlemarkt müssen alle die Länder und Regionen auftreten, die über keine zureichenden eigenen Kohlevorräte verfügen oder diese aufgegeben haben (wie z. B. Japan oder demnächst Frankreich) bzw. deren Nutzung zurückfahren (wie fast alle EU-Kohleländer). Schon heute sehen sich die Steinkohlenimporte Europas, auf die knapp 30 % des Weltsteinkohlehandels entfallen, einer zunehmenden Nachfragekonkurrenz aus dem asiatischen Raum ausgesetzt, der bereits 54 % des Überseehandels absorbiert ). Einen steigenden Bedarf verzeichnen vor allem Japan und die Länder Südostasiens, doch auch von China und Indien, die einen kräftig wachsenden Energiebedarf zu befriedigen haben, werden trotz großer eigener Kohlevorkommen signifikante Importzuwächse erwartet.
• Hinzu kommt, dass die Liberalisierung bzw. Entmonopolisierung der europäischen Strommärkte (als größtem Kohleverbrauchssektor der EU) auch zu einer Aufsplitterung der Nachfrage der nunmehr zahlreichen, einzeln agierenden Unternehmen und damit auch zu einem erheblichen Verlust an Nachfragemacht auf dem internationalen Kohlemarkt geführt hat.
• Das gehandelte Weltmarktangebot an Steinkohle konzentriert sich heute (und nach den vorliegenden Prognosen auch in den nächsten Jahren) zu über 80 % auf nur fünf Exportregionen: Australien, China, Südafrika, Indonesien und Nordamerika (USA/Kanada).
- Australien, das allein fast ein Drittel der Weltsteinkohlenexporte bereitstellt, ist auf Lieferungen in den asiatisch-pazifischen Raum ausgerichtet, der als Absatzmarkt aus
australischer Perspektive lukrativer ist als der europäische.
- Den chinesischen Exporten stehen gleichzeitig hohe und wachsende Importe gegenüber, daher bleibt eine künftige Rolle Chinas als Nettoexporteur für den Weltmarkt fraglich.
- Das nach wie vor von starken innenpolitischen Problemen geplagte Südafrika ist schon heute der wichtigste Steinkohlenlieferant für Deutschland (neben Polen, das seine zum größten Teil nicht kostendeckenden Exporte im Zuge des nationalen Umstrukturierungsprogramms und des EU-Beitritts allerdings drastisch zurückfahren will).
- Indonesien ist noch weniger ein Beispiel für politische Stabilität.
- Die US-Exporte sind seit etlichen Jahren rückläufig, da sich die USA vorrangig an ihrem Binnenbedarf orientieren (und traditionell nur als „swing exporter“ auftreten), wobei der Eigenverbrauch der US-Kohlenförderung in den nächsten Jahren erheblich ausgeweitet werden soll.
• Eine beträchtliche Konzentrationstendenz ist auch bei den Unternehmen auf der Angebotsseite des Weltkohlemarktes festzustellen. Die 10 größten privaten Unternehmen kontrollierten in 2001 rd. 29 % der Weltsteinkohleproduktion und 31 % der Exporte ). Speziell auf dem Weltkesselkohlemarkt entstanden vier „Kohlegiganten“, inzwischen auch bekannt als die „Big Four“ (Anglo Coal, Billiton, Rio Tinto und Glencore), die im Jahr 2000 zusammen einen Marktanteil von 33 % auf sich vereinten und weltweit an diversen Kohleaktivitäten beteiligt sind. Insbesondere beherrschen sie den Kohleexport Südafrikas. Zumindest in Teilen des internationalen Kohlemarktes – so das unabhängige Institut WEFA – haben sie schon ein kartellähnliches Verhalten mit den einschlägigen Folgen für Preise und Mengen praktiziert ).
• Auf dem internationalen Kesselkohlemarkt sind auch aus anderen strukturellen Gründen Ver-knappungstendenzen zu beobachten. Das bis Ende der 90er Jahre bestehende Überangebot ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, weil die Nachfragedynamik den Ausbau der Exportkapazitäten deutlich übertroffen hat. Insgesamt hat sich eine Wende vom Käufer- zum Verkäufermarkt vollzogen. Bei trendmäßiger Fortschreibung dieser Entwicklung wären rechnerisch in 2006 nicht mehr überbrückbare Versorgungsengpässe (und bereits ab 2003 deutlich steigende Preise) zu erwarten ).
Ob diese natürlich auch konjunkturell schwankende Entwicklungstendenz weiter anhält oder durch zusätzliche Investitionen in Exportkapazitäten wieder ausgeglichen wird, hängt in erster Linie von den Preis- und Gewinnaussichten auf dem Weltkohlemarkt ab. Diese sind aus heutiger Sicht aber ungewisser denn je. Denn einerseits ist durch die Klimadebatte wie auch durch die Liberalisierung der Energiemärkte ein verstärkter Druck auf die Kohlenpreise sowie u. U. auch auf den Kohleabsatz zu erwarten. Andererseits treiben die für das ausreichende Wachstum des Angebots nötigen Neuaufschlüsse und Infrastrukturinvestitionen bei tendenziell weltweit schwieriger werdenden geologischen Abbaubedingungen sowie zunehmenden Umwelt- und Sicherheitsanforderungen die Kosten.
• Auch bei auf Dauer ausreichender Produktion der Exportgruben ist zu berücksichtigen, dass im internationalen Kohlehandel per Bahn und/oder Schiff immense Transportstrecken, teilweise transkontinental um den halben Globus, zu bewältigen sind. Nicht nur die physischen, sondern auch die „politischen“ Entfernungen sind z. T. immens und damit störanfällig.
• Verknappungen und Lieferstörungen auf dem internationalen Steinkohlemarkt sind überdies auch durch den niemals auszuschließenden Fall schockartiger Nachfragezuwächse infolge von plötzlichen Engpässen bei anderen Energien (z. B. bei einer Öl- oder evtl. Erdgaskrise, eines nuklearen Störfalls oder einfach nur extremer Witterungsverhältnisse) möglich.
• Schließlich stellt sich die volkswirtschaftlich ebenso wie außenpolitisch relevante Frage, ob die Industrieländer bei Preisgabe ihrer eigenen Kohlenvorkommen auf Dauer gleichbleibende Erwartungen auf kosten- und preisgünstige Kohlenressourcen aus heutigen Entwicklungs- und Schwellenländern (wie Indonesien, Kolumbien oder Südafrika) richten dürfen oder sich langfristig darauf einzurichten haben, dass auch diese Ressourcen im Zuge des wirtschaftlichen Aufholprozesses verstärkt in den Förderländern/-regionen selbst verbraucht werden.
Beachtliche Versorgungsrisiken gibt es also auch auf dem Weltkohlemarkt. Die Frage, ob dagegen nicht eine Vorratshaltung auf Importkohlebasis genügt, ist natürlich nicht neu. Selbst wenn man die Frage der für die deutschen Kohlenutzer erforderlichen Qualitäten sowie die technischen Probleme, die mit Umfang und Dauer der Lagerhaltung wachsen, als hinreichend lösbar ansieht, gibt es darauf eine eindeutige Antwort.
Eine bloße Vorratshaltung von Importkohle – das hat schon 1990 die von der damaligen Bundesregierung eingesetzte Kohle-Kommission unter Leitung von Prof. Mikat klargestellt – ermöglicht lediglich „den abgemilderten Übergang auf sich verändernde Situationen“. Importkohlebevorratungs-läger können jedoch „strukturelle Veränderungen ... nicht abfangen: (sie) schaffen nur Reaktionszeit“. Dagegen bietet die Nutzung einer eigenen Lagerstätte, das hat die Mikat-Kommission ebenfalls schon in aller Klarheit dargelegt, „die Option, diese Lagerstätte als Diversifizierungs-möglichkeit selbst zu nutzen und damit strukturell den Energiemix zu ändern“ ).
Die Mikat-Kommission hat dabei unterstrichen, dass es sich um einen „lebenden Bergbau“ handeln muss, also „um Lagerstätten mit laufendem Abbau“, welcher „mindestens so dimensioniert sein (muss), dass er dem Charakter einer Option noch gerecht werden kann“ ). Darum hat die Mikat-Kommission seinerzeit schließlich ausdrücklich dafür plädiert, durch energiepolitische begründete Subventionen den „heimischen Bergbau instand zu setzen, gegen die Risiken des Weltmarktes als Option zu dienen“ ). – Im Ergebnis ihrer sehr gründlichen Prüfung auch der Gegebenheiten des Weltkohlemarktes ist die Kommission 1991 dann zu dem Schluss gekom-men: „Die langfristige Erhaltung eines deutschen Steinkohlenbergbaus ist aus Gründen der nationalen und internationalen Versorgungssicherheit nötig“ ).
Bereits frühzeitig hatte die Mikat-Kommission vorausgesehen, dass dem heimischen Energieträger Steinkohle auch im europäischen Rahmen „strategische Bedeutung“ zukommt ).
Ähnlich schätzt die Europäische Kommission in ihrem Grünbuch zur Energieversorgungssicherheit von Ende 2000 und in jüngsten weiteren Beiträgen zur Grünbuchdebatte die Rolle der Steinkohlereserven der Gemeinschaft ein und empfiehlt deshalb die Aufrechterhaltung des Zugangs zu ihnen durch einen subventionierten Mindestproduktionssockel ).
Dieser Einsicht hat sich unterdessen auch der Rat (mit Zustimmung der übrigen Gemeinschaftsorgane der EU) angeschlossen. Im Hinblick unter anderem auf die geopolitischen und Sicherheitsrisiken der immer stärker werdenden Einfuhrabhängigkeit im gesamten Energiebereich sowie unter ausdrücklicher Erwägung der preislichen Wettbewerbsvorteile der Drittlandskohle verlangt die neue, 2002 in Kraft getretene EU-Verordnung über die Steinkohlebeihilfen ) in ihren Zielsetzungen nicht nur den sozialen und regionalen Aspekten der weiteren Umstrukturierung des heimischen Steinkohlenbergbaus Rechnung zu tragen, sondern auch (siehe Art. 1, 2. Tiret): „der – als Vorbeugungsmaßnahme – notwendigen Beibehaltung eines Mindestumfangs an heimischer Steinkohleproduktion, damit der Zugang zu den Vorkommen gewährleistet ist.“
Die Mitgliedstaaten mit entsprechenden Vorkommen und Förderkapazitäten sind nun aufgerufen, diesen neuen europäischen Rahmen für den Steinkohlenbergbau im Interesse der Energie- und Kohleversorgungssicherheit auf nationaler Ebene angemessen auszufüllen.

International Energy Agency: Energy Policies of IEA Countries – Germany 2002 Review, Paris 2002,
insb. S. 12, 71f.
) Siehe F.-W. Wellmer/F. Barthel (BGR): Rolle der Kohle für die wirtschaftliche Entwicklung weltweit – die geopolitische Situation der Kohlenutzung, in: Forum für Zukunftsenergien (Hrsg.): Tagungsband – Kongress „Zukunft der Kohle – Perspektiven moderner Kohletechnologien“, Berlin 2001, S. 76ff. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) unterscheidet in ihren Studien zwischen „Hartkohle“, das ist im wesentlichen Steinkohle, und der sog. (geringer vorkommenden) „Weichbraunkohle“.
) Vgl. BMWi-Dokumentation Nr. 465: Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen, Berlin 1999, die BGR-Untersuchungen zusammenfasst. Was die BGR-Erkenntnisse der weltweiten Ressourcen an Hartkohle betrifft, also den geologisch indizierten (in-situ)Vorkommen, die mit den derzeitigen technischen Möglichkeiten aber nicht wirtschaftlich gewinnbar sind, so stellt sich die Konzentration noch anders dar: Über 60 % der weltweiten Ressourcen entfallen allein auf Russland.
) H. Gruß/E.-O. Kantelberg/H.-W.Schiffer (Hrsg. RWE Rheinbraun): Der Weltmarkt für Steinkohle 2002, S. 15
) siehe ebenda, S. 18
) Vgl. S. Couser/D. Goldsack: Konzentrationstendenzen in der internationalen Kohleindustrie,
in: ZfE – Zeitschrift für Energiewirtschaft 25 (2001) Nr. 1, S. 43ff.
) Siehe H. Gruß: Entwicklung von Angebot und Nachfrage auf dem Steinkohlenweltmarkt (2001),
in: ZfE – Zeitschrift für Energiewirtschaft 26 (2002) Nr. 1, S. 3ff.
) siehe Zwischenbericht der Kohle-Kommission im Auftrag der Bundesregierung (unter Vorsitz von
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Paul Mikat) vom 21.3.1990, S. 160
) ebenda
) ebenda
) Abschlusserklärung der Kohle-Kommission vom 18.3.1991, Ziffer 2, 3. Absatz