Importabhängigkeit der deutschen Energierohstoffversorgung

Im Jahr 2011 hat sich Deutschlands Importabhängigkeit bei Steinkohle infolge des fortgesetzten Anpassungsprozesses leicht auf 78% erhöht und bei Erdöl und Erdgas aufgrund moderat gestiegener Inlandsproduktion leicht auf 86% bzw. 97% verringert. In wenigen Jahren wird Deutschland bei Steinkohle nach dem Auslaufen des heimischen Steinkohlenbergbaus komplett auf Importe angewiesen sein. Bei Erdgas und Erdöl werden die heimischen konventionellen und wirtschaftlich gewinnbaren Vorräte um das Jahr 2020 herum erschöpft sein.

Derzeit stark ins öffentliche Interesse rückt die Möglichkeit der unkonventionellen Gewinnung von Erdgas aus Ölschieferschichten durch Fracking. International - vor allem in den USA - bereits in breiter Anwendung, bestehen in Deutschland insbesondere seitens der Politik große Vorbehalte. So forderte Bayerns Umweltminister Marcel Huber in einem Beitrag des Rheinischen Merkur vom 28. Juni 2012 unter dem Titel "Umstrittene Erdgasbohrung - Tickende Zeitbombe" ein komplettes Verbot von Fracking in Deutschland. Dessen ungeachtet hat die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in einer gesonderten Studie vom Mai 2012 unter dem Titel "Abschätzung des Erdgaspotenzials aus dichten Tongesteinen (Schiefergas) in Deutschland" das deutsche ausbeutbare Schiefergaspotenzial auf rund 2,3 Bill. m3 geschätzt. Zum Vergleich: Die deutsche Erdgasförderung im Jahr 2011 betrug 11,9 Mrd. m3 - bei einem deutschen Gesamtverbrauch von 86 Mrd. m3.

Auf EU-Ebene will Energiekommissar Günther Oettinger die Förderung des umstrittenen Schiefergases weiterhin nicht regulieren. Dies müsse Sache der Mitgliedstaaten bleiben. Hintergrund sind die sehr unterschiedlichen Positionen in den Mitgliedstaaten. Während in Frankreich keine Erlaubnis für Fracking zu erhalten ist, laufen in Polen bereits einige Demonstrationsprojekte. Einige Länder wie Frankreich und Deutschland befürchten Umweltschäden, andere - beispielsweise Polen - sehen Schiefergas als Schlüssel zur Begrenzung der Abhängigkeit von Gasimporten.

Die deutschen Importe von Energierohstoffen (Steinkohle, Erdgas, Erdöl) im Jahr 2011 waren in unterschiedlichem Ausmaß von nur wenigen Herkunftsländern abhängig. Die jeweils drei wichtigsten Lieferländer deckten bei Steinkohle 54%, bei Rohöl 60% und bei Erdgas 96% der Importe ab. Russland war bei allen diesen Rohstoffen das dominierende Lieferland.

Bei Erdgas und Erdöl waren 40 bzw. 38% der jeweiligen deutschen Gesamtimporte russischer Herkunft, bei Steinkohle betrug der russische Anteil knapp ein Fünftel. Hinsichtlich der Versorgungssicherheit ist hierbei Erdöl noch am ehesten kritisch einzustufen, da dessen Inlandsproduktionsanteil bei nur 3% liegt und Erdöl in wichtigen Verbrauchssektoren wie beispielsweise im Verkehr kaum hinreichend substituierbar ist. Bei Steinkohle wurden 2011 noch rund 22% des Aufkommens durch den heimischen Bergbau gedeckt. Rund 14% des deutschen Erdgasaufkommens wurden durch Förderung aus deutschen Ergasfeldern bereitgestellt. Zudem verfügt Deutschland über große Untertage-Erdgasspeicher, die mögliche temporäre Versorgungsengpässe bei Gasimporten überbrücken können.

Die hohe Bedeutung Russlands bei den deutschen Steinkohlenimporten im Jahr 2011 erstreckte sich ausschließlich auf die Kraftwerkskohle, wobei es nach Kolumbien und vor den USA das zweitwichtigste Lieferland war. Zusammengenommen entfielen rund 58% der gesamten deutschen Kraftwerkskohlenimporte auf diese drei Länder. Gegenüber dem Vorjahr gingen die Kraftwerkskohlenimporte aus EU-Ländern stark (-42%) und aus Südafrika (-19%) sowie Russland (-13%) etwas weniger kräftig zurück. Bedeutende absolute Zuwächse verzeichneten deutsche Importe aus den USA (+?40%) und Kolumbien (+?31%). Deutsche Kokskohlenimporte waren dagegen wesentlich stärker konzentriert - rund 80% davon entfielen auf die drei wichtigsten Lieferländer Australien (36%), die USA (29%) und auf Kanada (15%).

In Deutschland werden zunehmend öffentliche Debatten über die Abbaubedingungen von Energierohstoffen geführt und insbesondere hinsichtlich ihrer Vereinbarkeit mit Menschenrechten und Umweltschutz hinterfragt. Um Forderungen nach einer auch ethisch vertretbaren Kohleversorgung zu begegnen, haben sich Ende Februar 2012 sieben europäische Energieversorger (DONG, EDF, Enel, E.ON, Fortum, GDF SUEZ, RWE und Vattenfall) zu der Initiative "Better Coal" zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen und den Umweltschutz im Kohlenbergbau zu verbessern. Einen ähnlichen, aber branchenübergreifenden Ansatz verfolgt auch die Global-Compact-Initiative der Vereinten Nationen.

Deutschland hat als exportstarkes Industrieland ein hohes Interesse an der Aufrechterhaltung einer sicheren und bezahlbaren Versorgung mit mineralischen und energetischen Rohstoffen. "Rohstoffversorgung ist eine internationale Frage. Hierbei stehen wir im Wettbewerb mit Staaten, die eine sehr strategische rohstoffpolitische Planung betreiben.", hierauf hat Bundeskanzlerin Angela Merkel beim 3. Rohstoffkongress der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am 25. April 2012 in Berlin hingewiesen. Es besteht weiter Handlungsbedarf.

Nach Berechnungen der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) produzierte Deutschland im Jahr 2010 Rohstoffe im Wert von 17,7 Mrd. ? (davon Braunkohle 38%, Erdgas 17%, Steinkohle und Erdöl jeweils 6%). Dem standen Aufwendungen für Rohstoffimporte in Höhe von insgesamt 109,3 Mrd. ? gegenüber - dabei allein Energierohstoffe im Wert von 69,4 Mrd. ? (davon 57% Erdöl, 34% Erdgas und 7% Steinkohle). Von einigen Handlungsempfehlungen, Initiativen und Experten-Arbeitskreisen auf Bundes- bzw. EU-Ebene abgesehen, folgt die Bundesregierung einer liberalen Markt- und Wettbewerbspolitik und überlässt die Sicherung der Rohstoffversorgung weitestgehend der Industrie.

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Steinkohle und Umwelt
Abhängigkeit Deutschlands von Energierohstoffimporten 2011
Abhängigkeit Deutschlands von Energierohstoffimporten 2011
Deutsche Importe fossiler Energieträger 2000/2011
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Herkunft deutscher Steinkohlenimporte 2011
Herkunft deutscher Steinkohlenimporte 2011