Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hat seit dem Jahreswechsel 2008/2009 auch im Energiesektor erhebliche Verwerfungen verursacht. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat den Einfluss der weltweiten Krise auf das laufende Jahr zwischenzeitlich in einer neuen Studie als Hintergrundpapier für das G-8-Treffen im Mai 2009 genauer untersucht. Demnach sind die Investitionen in allen nachfrage- und angebotsseitigen Bereichen des Energiesektors massiv zurückgegangen. Der weltweite Stromverbrauch könnte 2009 zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg um über 3% sinken. Die Investitionen insbesondere im Kraftwerkssektor drohen drastisch einzubrechen. Besonders besorgt zeigte sich die IEA um Investitionen in Energieeffizienz und saubere Energien (clean energy).
Gemäß der IEA-Studie dürfte insbesondere die weltweite Kohleindustrie mit einem Investitionsrückgang um rund 40% gegenüber dem Vorjahr sehr stark betroffen sein. Mitte des letzten Jahres lagen Spotpreise für Kraftwerkskohle bei über 200 US-$/t und Kontraktpreise für Kokskohle bei über 300 US-$/t. Sie führten vorübergehend zu einer enorm gesteigerten Profitabilität und – bei anhaltend hoher Nachfrage – zu einem stark gestiegenen Investitionsvolumen. Das allerdings waren zum Teil auch Nachholeffekte gegenüber manchen in den Vorjahren aufgelaufenen Investitionsdefiziten in bergbauliche Produktionsbetriebe und Infrastrukturkapazitäten. Unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise und des Preisverfalls infolge der schwindenden Nachfrage brachen die zunächst geplanten Investitionen dann in der gesamten Kohlelieferkette stark ein. Für die mittel- und langfristige Entwicklung der Förderkapazitäten im internationalen Kohlebergbau bedeutete dies einen starken Rückschlag. Auch die internationalen Ölfirmen haben ihre Investitionen um ein Viertel gekürzt, nachdem sich die Ölpreise, ausgehend von ihren Rekordständen Mitte Juli 2008, zwischenzeitlich um fast zwei Drittel verringert hatten. Anfang August 2009 ging Fatih Birol, Chefökonom der IEA, nach weltweiter Untersuchung von mehr als 800 Ölfeldern, zudem davon aus, dass die meisten der großen Ölfelder der Welt ihren Produktions-Zenit bereits überschritten hätten und in ca. fünf Jahren versiegen würden.
Die niedrigen Investitionen im Energiesektor, nicht nur in der Öl- und Kohleindustrie, werden sich nach Ansicht der IEA in wenigen Jahren erneut sehr ungünstig auf die Weltkonjunktur auswirken. Die IEA hält deshalb für die Zeit um 2013 herum eine neue Energie- und eventuell auch Weltwirtschaftskrise infolge mangelnder Ölvorräte und entsprechender Versorgungsengpässe für möglich.
Rückblende: Nur ein Jahr zuvor schien die gesamtwirtschaftliche Lage für einen großen Teil der Weltwirtschaft und so auch für Bergbauunternehmen und die damit verbundenen Wirtschaftszweige noch in Ordnung zu sein. Zwar war die Finanzkrise schon zum Ausbruch gekommen. Sie wurde aber in ihren realwirtschaftlichen Auswirkungen in der übrigen Welt zunächst unterschätzt. Nicht nur Industrieunternehmen verzeichneten noch Rekordumsätze und -gewinne. Speziell die Energie- und Rohstoffpreise stießen in Regionen vor, die bis dahin niemand für möglich gehalten hätte. Das Angebot konnte mit der sich explosionsartig entwickelnden Nachfrageentwicklung insbesondere der Schwellenländer nicht mehr mithalten. Teilweise kam es zu Engpässen, denn Produktionskapazitäten und Infrastruktur waren unzureichend: Es war in den Vorjahren zu wenig investiert worden. Teilweise entdeckten auch Spekulanten diese Märkte für sich. Die Tagesnotierung für Rohöl der Nordseesorte Brent schnellte in der Folge Anfang Juli 2008 auf mehr als 145 US-Dollar pro Barrel (US-$/bl) hoch. Zur gleichen Zeit musste für Kraftwerkssteinkohle ein Spotpreis cif ARA von knapp 220 US-$/t gezahlt werden.
Doch diese historische Hausse auf den Rohstoff- und Energiemärkten währte nicht lange. Infolge der realwirtschaftlichen Auswirkungen der globalen Krise sackte die Nachfrage z. B. im Stahlmarkt dramatisch ab und dann auch auf den damit verbundenen Märkten für Stahlschrott, Kokskohle, Koks und mineralische Rohstoffe. Im weiteren Krisenverlauf kam es auf nahezu sämtlichen Rohstoff- und Energiemärkten zu mehr oder minder drastischen Nachfrageeinbrüchen und rapide sinkenden Preisen. Dem Preisboom des Vorjahrs folgte ein drastischer und abrupter Absturz unerwarteten Ausmaßes, der zu Kapazitätsanpassungen und auch Marktaustritten geführt hat. Im Energie- und Rohstoffsektor zeichnen sich daher krisenbedingt starke Strukturveränderungen ab. Sie dürften in den kommenden Jahren eine gänzlich veränderte Unternehmenslandschaft bewirken.