Erst infolge des ersten russisch-ukrainischen Gaskonflikts vom Januar 2006 stand die Frage nach der Versorgungssicherheit der EU und Deutschlands auf der politischen Tagesordnung und hat seitdem hohe Priorität, wie der jüngste russisch-ukrainische Gaskonflikt vom Januar 2009 – die größte Energiekrise Europas seit mehr als 30 Jahren – bestätigt hat. Vor allem die Gasversorgungssicherheit Europas gilt als die Achillesferse der europäischen Energiepolitik, da diese sich von der Ölversorgungssicherheit grundlegend unterscheidet. So gibt es einerseits keinen globalen Gasmarkt; andererseits ist die Versorgungssicherheit in Europa von stabilen Lieferungen über in Krisen inflexible Pipelinesysteme abhängig.
Zwischen den internationalen Experten und Energieorganisationen, wie der IEA, der EIA sowie dem WEC, und der EU-Kommission besteht einhellig die Auffassung, dass nur ein ausgewogener und breitest möglicher Energiemix, der keinen Energieträger ausschließt, die globale, regionale und nationale Energiesicherheit nachhaltig garantieren kann. Vor allem in der mittelfristigen Perspektive bis 2030 darf vor den gewaltigen Herausforderungen der globalen Energiesicherheit und des weltweiten Klimawandels weder auf die Kernenergie noch die Kohle verzichtet werden. Dies gilt insbesondere auch für Deutschland, dessen Versorgungsrisiko seit den Ölpreiskrisen und einer drastischen Zunahme der Öl- und Gasimporte aus Russland als Folge des bisher geplanten Doppelausstiegs bei Kernenergie und der heimischen Steinkohlenförderung deutlich gestiegen ist.
Die EU hat mit den März 2007-Beschlüssen einer integrierten, nachhaltigen Klima- und Energiepolitik sowie der 20-20-20-Formel (s. a. S. 65) die Weichen für die Zukunft gestellt, um aus der Spirale aus stark ansteigendem Energieverbrauch und Energieimportabhängigkeiten zumindest teilweise auszusteigen bzw. den Anstieg stark zu reduzieren. Im Mittelpunkt ihrer energiepolitischen Konzeption stehen zu Recht die Energieeinsparung und Erhöhung der Energieeffizienz sowie die Diversifizierung des Energieträgermix und der Importe. Auch die Proklamierung einer aktiven europäischen und deutschen Energieaußenpolitik unter Berücksichtigung der geopolitischen Risiken ist wichtig und richtig.
Noch vor dem jüngsten Gaskonflikt im November 2008 hatte die Europäische Kommission unter der französischen Präsidentschaft mit dem Zweiten Überprüfungsbericht der Energiestrategie der EU ein weitreichendes Energiepaket zur Stärkung der Energieversorgungssicherheit und Unterstützung der Klimaschutzvorschläge vorgelegt. Der in der Öffentlichkeit und zum Teil auch in der deutschen Politik viel zu wenig beachtete Aktionsplan für Energieversorgungssicherheit und -solidarität zeigte zum ersten Mal auf, dass eine erfolgreiche Implementierung der Energiebeschlüsse vom März 2007 den bis dahin prognostizierten Energiebedarf der EU bis 2020 um bis zu 15% und den Importbedarf um sogar 26% gegenüber den bisherigen Energiebedarfsprognosen reduzieren könnte. Ohne die Märzbeschlüsse würden dagegen die Nettoenergieimporte um rund 41% zwischen 2005 bis 2030 ansteigen. Tatsächlich zeigt der EU-Aktionsplan vom November 2008 und seine neuen Prognosen erstmals auf, dass der Erdgasimportbedarf mit der Implementierung des 20-20-20-Programms (dabei abhängig von der Höhe des internationalen Ölpreises), bis auf das heutige Niveau von rund 300 Mrd. m3 eingefroren werden könnte anstatt auf 452 Mrd. m3 anzusteigen. Je nach Szenario könnte der Erdgasimportbedarf der EU bei einem erneuten Anstieg des Ölpreises auf 100 US-$/bl sogar unter 300 Mrd. m3 liegen (s. Tabelle im Anhang).
Auch das vom Rat der EU am 20. März 2009 beschlossene und von der Kommission vorgeschlagene Energieinfrastrukturprogramm in einem Umfang von rund 4 Mrd. € dient der Stärkung der Energieversorgungssicherheit und der physischen Infrastruktur effektiverer Krisenreaktionsmechanismen. Seit Anfang 2008 wurden auch die Maßnahmen zur Entwicklung des südeuropäischen Gastransportkorridors und des Zugangs zu kaspischem Gas durch das Nabucco-Projekt entscheidend forciert.
Allerdings kann die EU kurz- und mittelfristig auch nach Unterzeichnung des jüngsten Abkommens zwischen Russland und der Ukraine zur Beilegung des Gaskonfliktes und des Energiememorandums zur Modernisierung der ukrainischen Gasinfrastruktur vom 23. März 2009 keineswegs von einer sicheren Gasversorgung aus Russland ausgehen, da dies nicht nur
Daher bleibt aus europäischer und deutscher Sicht – neben neuen Maßnahmen zur Energieeinsparung und Erhöhung der Energieeffizienz – die breitest mögliche Diversifizierung des Energieträgermix und der Importe die beste Garantie für eine langfristige stabile Energieversorgungssicherheit. Bei Erdgas sollte dies durch eine neue Kombination von langfristigen Lieferverträgen, liquiden Handelsplätzen, einer bedarfsgerechten und sicheren Infrastruktur sowie die Stärkung der grenzüberschreitenden Kooperation zwischen Gasunternehmen im Zusammenspiel mit Regierungen und der EU mit ihren neuen Krisen- und Kooperationsinstrumenten sichergestellt werden.
Dem Ziel der Stärkung der Versorgungssicherheit durch die Diversifizierung von Energieträgern, Importen und der Elektrizitätserzeugung soll auch das derzeit viel diskutierte Solar- und Wüstenstromprojekt DESERTEC dienen – derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie. Dieses von 12 vor allem deutschen Konzernen forcierte Projekt sieht eine solarthermische Stromerzeugung vor, bei der das Sonnenlicht in riesigen Parabolspiegeln gebündelt und dann in einer im Kreislauf geführten Flüssigkeit auf 400°C erhitzt wird, um in einem anschließenden Dampfturbinenkraftwerk in Strom verwandelt zu werden. Das derzeit auf 400 Mrd. € geschätzte Projekt soll 15 - 20% seiner Stromerzeugung über Hochspannungsgleichstromleitungen nach Europa führen. Obwohl es auch technologisch vor allem beim Stromtransport nach Europa noch einige Probleme zu lösen gilt, müssen die finanziellen und vor allem bisher kaum analysierten sicherheitspolitischen Probleme als die größten Hindernisse angesehen werden. Gerade in der Redundanz der zahlreichen Infrastrukturanlagen und bei den Kontrollzentren der dezentralen Erzeugerstrukturen dürften in den politisch instabilen Regionen Nordafrikas und dem Nahen Osten die physischen und elektronischen Sicherheitsaufwendungen immens sein, die aber bisher offenbar kaum in den operativen Projektkosten ausreichend berücksichtigt worden sind. Zudem müssen erhebliche politische Konflikte zwischen den Regionalstaaten selbst gelöst werden wie aber auch beim grenzüberschreitenden Stromtransport zwischen EU-Staaten. Darüber hinaus darf bezweifelt werden, dass Spanien oder Italien sich von der politisch so instabilen Region noch weiter abhängig machen und ihre Versorgungssicherheit gefährden wollen, da die EU-Mittelmeerstaaten bereits in hohem Maße durch die Öl- und Gasimporte von dieser instabilen Weltregion abhängig sind.
Des weiteren benötigen solarthermische Kraftwerke Millionen Kubikmeter Kühlwasser, die in den Wüstenregionen zumeist grenzüberschreitend sicher gestellt werden müssen und einen ebenfalls nicht unerheblichen Kostenfaktor darstellen dürften. Ebensowenig dürfen die Risiken für die Versorgungssicherheit der EU übersehen werden. Zwar haben solarthermische Kraftwerke den großen Vorteil gegenüber der herkömmlichen Photovoltaik, Strom in Salzschmelzen speichern zu können, doch der Ausfall von 15 - 20% der importierten Stromlieferungen als Folge terroristischer oder elektronischer Angriffe gegen die Hochspannungsleitungen oder die Stromkontrollzentren in Nordafrika hätte katastrophale Auswirkungen in Europa, da Strom bisher nicht wie Öl und Gas strategisch in Europa bevorratet werden kann. Für arabische Terroristen dürfte die solare Infrastruktur nicht zuletzt deshalb besonders attraktiv sein, weil sie mit Anschlägen gleichzeitig sowohl die verhassten einheimischen Regierungen als auch die EU treffen und politisch erpressen könnten. Auch aus diesem Grund könnte sich die dezentralisierte Photovoltaik unter Berücksichtigung großer Fortschritte bei Speichertechnologien langfristig womöglich tatsächlich als kostengünstigere solare Variante erweisen. Doch sprechen all diese Vorbehalte nicht grundsätzlich gegen das Projekt, das vor allem für die Regionalstaaten selbst von großem Nutzen wäre, sofern ihre politischen und wirtschaftlichen Eliten den großen Nutzen derartiger solarthermischer Kraftwerke angesichts der Rolle ihrer staatlichen Energiekonzerne und deren politischen Einfluss auf die Regierungen erkennen.
Die strategischen Risiken der deutschen Energieversorgung werden jedoch durch Wüstenstrom in der mittelfristigen Perspektive bis 2030 kaum verringert, da das DESERTEC-Projekt angesichts der noch zu überwindenden technischen und vor allem wirtschaftlichen sowie politischen Probleme wahrscheinlich erst in der längerfristigen Perspektive 2030 - 2050 eine größere strategische Bedeutung für die Regionalstaaten in Nordafrika sowie des Mittleren Ostens und vielleicht auch Europas gewinnen wird.