Dr. Frank Umbach, Senior Associate für Internationale Energiesicherheit Centre for European Security Strategies (CESS), München-Berlin
Im Zuge der stark gefallenen internationalen Rohöl- und Erdgaspreise seit Sommer 2008 scheinen die großen Besorgnisse über die globale Energieversorgung und die Auswirkungen der Rohstoffhausse auf die Stabilität der internationalen Beziehungen zunächst einmal verflogen zu sein. Doch die moderaten Energiepreise dürften nur temporär sein und nicht die langfristigen strategischen Trends der internationalen Energiepolitik hinsichtlich hoher volatiler Öl- und Gaspreise sowie Versorgungsengpässe in Frage stellen. Mittelfristig könnte die weltweite Energieversorgung durch den weiteren Aufschub zeitkritischer Investitionen in neue Explorationsprojekte und sonstige Energieinfrastruktur sogar noch stärker gefährdet sein. Auch die geopolitischen Risiken und Auswirkungen auf die globalen ordnungspolitischen Strukturen werden sich nicht verflüchtigen. Dies gilt umso mehr, als der weltweite Markt für die fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle vor einem dramatischen Strukturwandel steht. In 2008 haben die Entwicklungsländer mit China an der Spitze erstmals die OECD-Staaten beim Verbrauch von Primärenergie übertroffen. 79% der Weltbevölkerung erwirtschaften 45% des globalen Bruttoinlandsproduktes und benötigen dafür 53% der Weltenergie. Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren verstärken und erheblich die Preise beeinflussen sowie neue Herausforderungen für die internationale Energiesicherheit und die Anstrengungen der Weltgemeinschaft haben, den globalen Klimawandel zumindest zu verlangsamen. Damit steht die Welt vor einer doppelten Herausforderung: einerseits eine bezahlbare Energieversorgungssicherheit zu gewährleisten, andererseits aus Gründen des globalen Klimawandels vor allem in den Nicht-OECD-Staaten auf höhere Energieeffizienz mit gleichzeitig niedrigerem CO2-Ausstoß strukturell umzusteuern.
Bereits seit Ende der 1990er-Jahre hat sich das Machtverhältnis zwischen Energieproduzenten und -konsumenten zugunsten der Energieproduzenten und dem Entstehen eines weltweiten Verkäufermarktes sukzessiv verändert. Diese internationalen Machtverschiebungen zugunsten der asiatischen und arabischen Schwellenländer, aber auch Russlands und anderer Energieexporteure und die internationale Expansion ihrer Staatsfonds in die USA und nach Europa waren wesentlich durch die hohen Öl- und Gaspreise sowie die Rohstoffhausse bei nichtenergetischen Ressourcen erklärbar. So hat sich seit 2002 nicht nur der Ölpreis auf bis zu 147 US-$ pro Barrel (bl) im Juli 2008 verfünffacht, sondern auch die Preise für Eisenerz und Stahlschrott waren zwischen 2003 und 2006 um 100% sowie der Nichteisenmetalle um über 128% und anderer Metalle sogar um über 500% gestiegen. Die Frage der Versorgungssicherheit von Energie- und anderen Rohstoffen rückte damit auf die politische Tagesordnung der westlichen Regierungen, da die Energie- und Rohstoffsicherheit die zentrale Voraussetzung für die Stabilität der gesamten wirtschaftlichen Wertschöpfungskette ist. Im Zuge der globalen Rohstoffhausse und ihren rapiden Preissteigerungen, einer steigenden Angebotskonzentration auf immer weniger Länder und Unternehmen, zunehmenden Handels- und Wettbewerbsverzerrungen durch politisch induzierte Einschränkungen der Rohstoffverfügbarkeit, der Subventionierung des Energieverbrauchs sowie vermehrter Strategien der staatlich forcierten Rückwärtsintegration durch zunehmende Beteiligungen an Bergbauunternehmen im Ausland (direkter Zugriff und Kontrolle der Lagerstätten im Ausland) stellten sich vermehrt Fragen hinsichtlich der Lieferfähigkeit der Rohstoffexporteure – und damit Fragen, die über 20 Jahre von der EU nicht mehr diskutiert worden sind. Zudem spiegelt sich beim Ressourcenfluch nicht nur ein enger Zusammenhang zwischen hohen Ölpreisen und Rentierökonomien wider, sondern auch jener zwischen hohen Ölpreisen und der mangelnden Reformbereitschaft sowie der Demokratisierung in der Innenpolitik und einer konfrontativeren Außenpolitik vieler reicheren Produzentenstaaten.
All dies wirft zentrale Fragen nicht nur für die internationale Energiepolitik, sondern auch für die weltweite regionale Ordnungspolitik und Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik des Westens und damit auch für die GASP (Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik) sowie Nachbarschaftspolitik der EU auf. Im Zuge einer globalen Energie- und Rohstoffhausse sowie Verknappung können somit weltweit künftige gewaltsame Konflikte und Kriege vor allem um die knapper werdenden Rohstoffe (vor allem um Öl, Gas und Wasser) keineswegs ausgeschlossen werden, die u.a. mit Massenmigrationen und Flüchtlingsproblemen verbunden sind. Hinzu kommen die Folgen der globalen Klimaveränderungen, die neue Konflikte verursachen und vor allem bereits bestehende Konfliktlagen erheblich verschärfen könnten.
Vor diesem komplexen Hintergrund sollen zunächst die globalen Energietrends und Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA), der Energy Information Administration (EIA) und des Weltenergierats (WEC) analysiert werden, bevor die mittel- und langfristigen geopolitischen Risiken untersucht werden, um auf dieser Basis qualifizierte Schlussfolgerungen für die mittelfristige Energieversorgungssicherheit der EU und Deutschlands zu ziehen.