Importabhängigkeit, heimische Primärenergiegewinnung und Versorgungsrisiken

Deutschlands Primärenergieversorgung war 2008 im Gesamtdurchschnitt zu 73% von Energieimporten abhängig. Dabei war die Importabhängigkeit beim Mineralöl mit 97% am größten, beim Erdgas lag sie bei 84% und bei der Steinkohle lag sie mit 72% – noch – leicht unter dem Durchschnitt.

Bedenklich erscheint nicht nur die Höhe der Abhängigkeit von Energieimporten, sondern deren Konzentration auf bestimmte Lieferregionen und -länder. Zwar stammt ein beträchtlicher Teil der Importe auch aus Ländern der EU oder Ländern, die mit der EU assoziiert sind. Erhebliche Teile stammen aber auch aus politischen und ökonomisch risikoreicheren Lieferländern. Russland hat sich nicht nur zum dominierenden Lieferanten für die deutschen Ölimporte (31% des Ölaufkommens) und Gasimporte (37% des Gasaufkommens) entwickelt. Es ist inzwischen auch das bedeutendste Lieferland für die Steinkohlenimporte nach Deutschland (14% des Steinkohlenaufkommens) wie auch in die EU.

In der deutschen Öffentlichkeit wird Russland bisher hauptsächlich als wichtigster Erdgaslieferant wahrgenommen. Tatsächlich deckt Russland allein heute 20% der gesamten Primärenergieversorgung Deutschlands. Dies verleitete auch eher wirtschaftsliberale Kommentatoren zu sorgenvollen Äußerungen. Russland trägt beinahe in der gleichen Größenordnung zur Energieversorgung Deutschlands bei wie die gesamte heimische Primärenergiegewinnung, die 2008 einen Anteil am Primärenergieverbrauch von 27% verzeichnete.

In absoluten Mengen ging die heimische Primärenergiegewinnung 2008 mit einem Aufkommen von 131 Mio. t SKE trotz des wachsenden Beitrags (überwiegend heimischer) erneuerbarer Energien um gut 4% gegenüber 2007 zurück. Den größten Beitrag zur heimischen Primärenergiegewinnung lieferte 2008 die heimische Braunkohle (41%). Aber auch die heimische Steinkohle spielte mit einem Anteil von rund 14% eine wesentliche Rolle. Ihr Anteil war größer als etwa der Beitrag der inländischen Erdgasförderung (13%) und mehr als dreimal höher als der Beitrag der Windkraft (4%). Nicht ganz unerheblich ist auch der i. d. R. unter „Sonstige” subsumierte Beitrag der Nutzung von Grubengas aus stillgelegten und aktiven Bergwerken.

Die erneuerbaren Energien hatten zusammengenommen 2008 einen Anteil von 27% an der heimischen Primärenergiegewinnung (s. S. 16). Bei ihnen dominieren – entgegen dem öffentlich vielfach erweckten Eindruck – nicht die symbolisch immer wieder in den Vordergrund gestellte Windkraft oder die finanziell am intensivsten geförderte Solarenergie. Vielmehr liefern die Bioenergien (Biomasse, Biogas, Biosprit) drei Viertel der gesamten erneuerbaren Energieerzeugung. Fazit: Auch durch den Ausbau der erneuerbaren Energien wurde die Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten bisher nicht reduziert. Allenfalls konnte die Zunahme dieser Abhängigkeit etwas gebremst werden.

Durch die hohe und tendenziell zunehmende Abhängigkeit von Energieimporten stieg das damit zusammenhängende Energieversorgungsrisiko für Deutschland messbar. Es gibt inzwischen eine Reihe von Untersuchungen zur Quantifizierung der Sensitivität und Verwundbarkeit der Energieversorgung. Ihre Ergebnisse schätzen diesen Befund nicht nur qualitativ ab, sondern sie belegen ihn nun auch quantitativ-empirisch eindeutig.

Beispiel Steinkohle: Das österreichische Wirtschaftsministerium hat seine von ihm erhobenen „Welt-Bergbau-Daten” 2009 in aktualisierter Fassung vorgelegt. Demnach sind bei den Produzentenländern für Kohle weltweit fast zwei Drittel den politisch eher instabilen Ländern zuzurechnen. Die Welt-Bergbau- Daten gehen nach folgendem System vor: Den Produktionsmengen sämtlicher erfasster Rohstoffe der jeweiligen Produzentenländer – darunter Kraftwerkskohle („Steam Coal”) und Kokskohle („Coking Coal”) – wird die Einstufung der politischen Stabilität gemäß einem Weltbank-Ranking gegenüber gestellt. Eher stabile Länder werden mit „stable” oder „fair” eingestuft, eher instabile Länder mit „critical” bis „extremely critical”. Danach mussten (bezogen auf das datentechnisch zuletzt verfügbare Jahr 2007) rund 65% der Produzentenländer von Kraftwerkskohlen und beinahe ebensoviel, rund 64%, der Produzentenländer von Kokskohlen als eher instabil eingestuft werden. Im Zeitvergleich ab 2003, den die Welt-Bergbau-Daten 2009 erlauben, hat sich der Anteil der instabilen Länder bei der Kraftwerkskohle kaum verbessert, bei der Kokskohle sogar noch deutlich verschlechtert. Deshalb führt auch bei der Steinkohle die zunehmende Importabhängigkeit nahezu zwangsläufig zu einem erhöhten Versorgungsrisiko – auch wenn hier noch ein geringeres Ausmaß als bei Öl und Gas vorherrscht und anders als dort ein Mix aus heimischer Produktion und Importen möglich bleibt.

Das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsforschungsinstitut (RWI) lieferte schon seit 2007 zunächst im Auftrag der Bundesregierung mehrere Analysen zur Messung der Energiesicherheit in Deutschland. Sie erlauben Vergleiche im Zeitablauf und zwischen verschiedenen Ländern. Den Schwerpunkt legt das RWI auf die Importabhängigkeiten der Energieversorgung von den jeweiligen Lieferländern. Es hat einen Risikoindex entwickelt. In ihm enthalten sind die Konzentration bzw. Diversifikation von Lieferländern sowie die politische Zuverlässigkeit dieser Länder nach der Einstufung für die Hermes-Auslandsbürgschaften der Bundesregierung oder nach einer OECD-Klassifikation. Die Studien belegen Folgendes: Die Energiesicherheit in Deutschland hat seit den 1980er-Jahren infolge der gestiegenen Abhängigkeit von Energieimporten abgenommen; sie ist erheblich geringer als in vielen anderen Industrieländern (z. B. als in den USA) und droht trotz des Ausbaus der „quasi-heimischen” erneuerbaren Energien weiter abzunehmen. Das RWI führt dies auf das immer stärkere Gewicht Russlands sowie u. a. auch auf den sinkenden Anteil der heimischen Steinkohle an der Energieversorgung zurück. Eine Anfang 2009 vom RWI vorgelegte Untersuchung hat den Titel: „Am Tropf Russlands? Ein Konzept zur empirischen Messung von Energieversorgungssicherheit”. Das RWI bejaht seine im Titel gestellte Frage im Ergebnis weitgehend.

Im Energieträgervergleich ist der Anstieg des Versorgungsrisikos bei Mineralöl und Erdgas zwar noch ausgeprägter als bei der Steinkohle. Doch ist bei der Steinkohle der Anteil der heimischen Produktion bislang noch signifikant größer. Gleichwohl ist auch hier der das Risiko erhöhende Effekt zunehmender Importabhängigkeit messbar.

Im Hinblick auf die langfristigen Perspektiven der internationalen Kohlemärkte weist das RWI auf Folgendes hin: Knapp drei Viertel der weltweiten Kohlereserven entfallen auf nur vier Länder – die Großmächte USA, China, Russland und Indien. Das könnte dem politischen Risiko in diesem Bereich langfristig eine besondere Dimension verleihen. Die Problematik des Länderrisikos bei Steinkohlenimporten beschränkt sich aber nicht nur auf die enormen Anteile Russlands und der anderen vorgenannten Großmächte an den langfristig verfügbaren Vorräten.

Eine andere RWI-Untersuchung zu „Deutschlands Energieversorgungsrisiko gestern, heute und morgen” beziffert gemäß einem RWI-Indikator das Versorgungsrisiko des Energiemixes in Deutschland im Zeitvergleich 1980 bis 2007 und ergänzt es sogar um eine Prognose bis 2020 (siehe: Zeitschrift für Energiewirtschaft 1/2009, S. 42 - 48). Danach ist das Versorgungsrisiko nicht nur in den letzten Jahren deutlich angestiegen – es hat sich seit 1990 sogar mehr als verdoppelt. Es droht auch eine weitere drastische Zunahme.

Diese mit wissenschaftlich-quantitativen Methoden belegte Einschätzung eines steigenden Gesamtrisikos der deutschen Primärenergieversorgung bestätigt auch eine neue, weiter gefasste Untersuchung des renommierten EEFA-Instituts über die Verwundbarkeit der Energieversorgung der deutschen Volkswirtschaft.

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Anhang
Importabhängigkeit Deutschlands bei Energieträgern steigt
Importabhängigkeit Deutschlands bei Energieträgern steigt
Rohöl- und Erdgasaufkommen in Deutschland
Rohöl- und Erdgasaufkommen in Deutschland
Steinkohlenaufkommen in Deutschland
Steinkohlenaufkommen in Deutschland
Steinkohlenaufkommen in Deutschland
Steinkohlenaufkommen in Deutschland
Energieversorgungs-
risiken der G7-Staaten
Energieversorgungsrisiken der G7-Staaten
Versorgungsrisiko bei Öl, Gas und Steinkohle 1978 bis 2007 gemäß RWI
Energieversorgungsrisiken der G7-Staaten