Internationale Energienachfrage bis 2030 und die Frage der globalen Versorgungssicherheit

Die Unsicherheiten der globalen Energieversorgungssicherheit bis zum Ausbruch der gegenwärtigen globalen Finanz- und Wirtschaftskrise im Sommer 2008 erklärten sich einerseits aus der rapide zunehmenden Energienachfrage vor allem in China und Indien sowie einer Verfünffachung der Ölpreise von 2002 bis 2008 auf über 147 US-$/bl, andererseits aus zunehmenden Ungewissheiten, wie lange die Öl- und Gasreserven noch ausreichen und wie viele Ressourcen zukünftig tatsächlich auf dem Weltmarkt zur Verfügung stehen werden. Deshalb unterschied sich diese Krise der weltweiten Energiepreise und globalen Energieversorgung grundlegend von früheren. Entscheidende Entwicklungen der letzten Jahre auf dem Energiesektor sowie die neuesten Prognosen der IEA, EIA und des WEC über die fossilen Energieressourcen bis 2030 bestätigen diese Annahmen:

  • Die globale Energienachfrage wird bis 2030 um 37 - 45% zunehmen. Verantwortlich für den weltweiten Anstieg des Energieverbrauchs sind vor allem die Nicht-OECD-Staaten mit 73%, während der Energieanstieg der OECD-Staaten selbst beim Referenzszenario der EIA nur bei 15% liegen dürfte.
  • Trotz weltweiter Anstrengungen zur Entwicklung der erneuerbaren Energien mit einem jährlich prognostizierten Wachstum von rund 7% werden in mittelfristiger Perspektive weiterhin die fossilen Energieträger (Rohöl, Erdgas und Kohle) den weitaus größten Teil des weltweiten Verbrauchs ausmachen. Sie werden rund 80% des globalen Nachfrageanstiegs bis 2030 decken.
  • Rohöl bleibt mit etwa 30 - 32% (derzeit 34%) im weltweiten Energiemix der wichtigste Energieträger bis 2030. Der durchschnittliche Rohölbedarf wird bis 2030 weltweit um 37% gegenüber 2006 zunehmen – von derzeit über 85 auf 106 Millionen Barrel pro Tag (Mio. bl/d; IEAReferenzszenario). China wird dabei für 43% des Zuwachses der globalen Rohölnachfrage, der Mittlere Osten für 20% und Indien für 19% verantwortlich sein. Da nicht nur die Zunahme der Weltrohölnachfrage zu erwarten ist, sondern auch viele erschöpfte Ölfelder ersetzt werden müssen, muss die Rohölproduktion bis 2030 um 64 Mio. bl/d wachsen – das Sechsfache der heutigen Gesamtrohölproduktion Saudi Arabiens als weltgrößter Rohölproduzent. Nach dem optimistischeren Alternativszenario der IEA von 2007 ist die Welt zwar in der Lage, 14 Mio. bl/d einzusparen, doch auch dann bleibt Rohöl der weltweit wichtigste Energieträger. Zwar sind gegenwärtig mehr als 182 Mrd.t konventionelle Rohölreserven (ohne kanadische Ölsande) nachweisbar vorhanden, doch hält die Entdeckung neuer Ölressourcen bereits seit 1986 mit der sich rapide beschleunigenden Nachfrage nicht mehr Schritt.
  • Die weltweite Nachfrage des klimafreundlicheren Erdgases wird aufgrund der Koppelung mit den wieder ansteigenden Rohölpreisen lediglich um 1,8% zunehmen und im globalen Energiemix von 21% auf 22% bis 2030 nur marginal wachsen. Der interregionale Gashandel wird sich von 441 Mrd. m3 auf mehr als 1 Bill. m3 verdoppeln, der größtenteils in Form von Liquified Natural Gas (LNG) transportiert und dessen Anteil von 52% in 2006 auf 69% in 2030 ansteigen wird. Zugleich wird die Zunahme der weltweiten Erdgasproduktion mit 46% im Mittleren Osten erfolgen müssen – also in derjenigen Region, die bereits für die Weltrohölversorgung ohne Alternative ist. Dabei befinden sich allein 56% der weltweiten Erdgasreserven allein in den drei Staaten Russland, Iran und Qatar und mehr als die Hälfte der globalen Reserven wird von lediglich 25 Erdgasfeldern gespeist. Eine Entspannung des Erdgasmarktes zeichnet sich mit der zunehmenden Ausbeutung der bis vor kurzem unrentablen unkonventionellen Gasreserven in den USA ab, die durch neue Bohrtechniken und den höheren Rohölpreis wirtschaftlich erschlossen werden und den früher antizipierten starken Anstieg von LNG-Importen ersetzen können. Die künftige Produktion von unkonventionellem Gas aus Schiefer- und Kohleschichten sowie dichten Sandsteinformationen („tight gas”) soll von 47% der gesamten Erdgasproduktion in 2006 auf 56% in 2030 weiter steigen. In dem neuesten Referenzszenario geht die EIA sogar davon aus, dass die USA bei Erdgas faktisch selbstversorgend werden.
  • Im Gegensatz zu den hiesigen Bemühungen des Klimaschutzes ist seit 2000 mit jährlich durchschnittlich 4,9% ein stärkeres Wachstum der globalen Kohlennachfrage zu konstatieren als bei irgendeinem anderen fossilen Energieträger oder der gesamten weltweiten Primärenergienachfrage. Nach Prognosen der IEA wird der Kohlenverbrauch bis 2030 um jährlich 1-2% zunehmen und könnte damit auch weiterhin stärker wachsen als die Erdgasnachfrage. Die weltweite Kohlennachfrage würde zwischen 2006 und 2015 um 32% und im Zeitraum 2006 - 2030 sogar um bis zu 61% von 3.053 Millionen Tonnen Öläquivalent (Mtoe) auf 4.908 Mtoe ansteigen. Selbst wenn sich das optimistischere Alternativszenario bestätigen sollte, wird Kohle mit 23 - 29% in 2030 der zweitwichtigste Energieträger noch vor Erdgas weltweit bleiben.
  • Nach der neuesten Analyse der EIA wird der weltweite Strombedarf im Referenzszenario zwischen 2006 und 2030 um 77% ansteigen. Dabei wird der globale Beitrag der Kernenergie zur Stromerzeugung bis 2025 absolut höher liegen als in der vergleichbaren Projektion von 2004, auch wenn sich der Kernenergieanteil von 15% in 2006 auf 10% in 2030 verringern wird. Demgegenüber wird der Kohleanteil an der weltweiten Stromerzeugung von 41% auf 44% zunehmen und der Anteil der erneuerbaren Energien von 18% auf 23% bis 2030 ansteigen – und damit Erdgas bereits kurz nach 2010 als zweitwichtigste globale Erzeugungsquelle für Strom ablösen.

Um die weltweite Energienachfrage zu befriedigen und die globale Energiesicherheit zu garantieren, sind nach Auffassung der IEA rund 26 Bill. US-$ an Investitionen bis 2030 notwendig. Gleichzeitig beläuft sich die Subventionierung von Energieressourcen und des Energieverbrauchs in den 20 größten Nicht-OECD-Staaten jährlich allein auf 310 Mrd. US-$. Dementsprechend ist der Energieverbrauch dieser Staaten von realen Marktpreisen weitgehend abgekoppelt, sodass auch keine Anreize bestehen, den Energieverbrauch durch Einsparungen zu verringern und die Energieeffizienz zu erhöhen. Die zukünftig notwendigen Investitionen in die globale Energiewirtschaft zur Aufrechterhaltung der internationalen Energiesicherheit werden zudem nur dann erfolgen, wenn sich die Rahmenbedingungen für ausländische Investoren und die politische Stabilität in vielen der Förderländer deutlich verbessern. Die entscheidende Frage jedoch – wie viele Erdöl- und Erdgasressourcen stehen nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich auf dem Weltmarkt jederzeit zur Verfügung? – hängt nicht nur von eng definierten ökonomischen Faktoren wie Angebot und Nachfrage oder der globalen Klimapolitik ab, sondern maßgeblich auch von den dramatisch veränderten politischen Rahmenbedingungen seit Ende der 1990er-Jahre.

Strategische Risiken der globalen Energiesicherheit
Strategische Risiken der globalen Energiesicherheit Internationale Energienachfrage bis 2030 und die Frage der globalen Versorgungs-
sicherheit
Geopolitische Risiken und strukturelle Versorgungsengpässe Auswirkungen auf die europäische Energieversorgungs-
sicherheit
Weltenergieverbrauch
Weltenergieverbrauch