Gegenwärtige Situation und Trends der deutschen Energieversorgung

Die Primärenergieversorgung Deutschlands kennzeichnet ein nach wie vor relativ breiter Energieträgermix mit einem hohen und wachsenden Grad der Importabhängigkeit. Importenergien decken inzwischen über 70% des Primärenergieverbrauchs – vor allem Mineralöl- und Erdgasimporte, zunehmend auch Importsteinkohle. Berücksichtigt man die auf Uranimporte angewiesene Kernenergie als „quasi-heimische Energiequelle”, reduziert sich die Importabhängigkeit auf gut 60%. Heimische Kohle lieferte 2008 einen Versorgungsbeitrag von 15% (Braunkohle: 11%, Steinkohle: 4%), erneuerbare Energien von 7%, die inländische Öl- und Gasförderung sowie sonstige Energieträger von rund 5%.

Betrachtet man die Gesamtstruktur der Primärenergieversorgung in Deutschland und vergleicht sie mit den aktuellen energiepolitischen Debatten, so fällt folgendes auf: Die beiden Energiequellen, die am stärksten im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen – nämlich die Kernkraft und die erneuerbaren Energien – machen zusammen einen Anteil von weniger als 20% des Primärenergieverbrauchs aus. Der Großteil der Primärenergieversorgung, über 80%, entfällt nach wie vor auf Mineralöl, Erdgas, Steinkohle und Braunkohle. Deren versorgungspolitische Bedeutung wird jedoch in der Öffentlichkeit weitaus weniger wahrgenommen. Vielmehr werden sie als „fossile” Energieträger vor allem in die klimapolitische Kritik gestellt.

Von manchen Medien wird mitunter der Eindruck erweckt, Energie würde in Deutschland wenig effizient eingesetzt, wenn nicht sogar ziemlich hemmungslos vergeudet. Speziell der Kohleverbrauch würde hierzulande nicht vermindert und die CO2-Emissionen kaum gebremst. All das ist unzutreffend. Der Primärenergieverbrauch (PEV) Deutschlands wächst gemessen am Wirtschaftswachstum schon seit langem nur noch moderat. Die „Entkopplung” von Wirtschaftswachstum und Stomverbrauch setzt sich immer weiter fort. Maßgeblich dafür sind die Fortschritte bei der gesamtwirtschaftlichen Energieproduktivität. Wie die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) ermittelte, nahm die Energieproduktivität in Deutschland bei einem PEV-Zuwachs von 1% temperatur- und lagerbestandsbereinigt 2008 um rund 3% zu. Dies lag deutlich über dem seit 1990 feststellbaren Durchschnittswert der Zuwachsrate von 2%, womit die Energieproduktivität schon schneller als die Wirtschaftsleistung gewachsen war. Anders gesagt: Die Energieeffizienz hierzulande ist 2008 wie schon in den Vorjahren erheblich gesteigert worden. Das bedeutet keineswegs, dass alle Effizienzpotenziale im Energiebereich voll erschlossen sind. Ob aber die großen Erwartungen an eine weitere Steigerung der Energieeffizienz oder gar an eine „Effizienzrevolution” in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erfüllbar sind, bleibt zumindest fraglich. Realistischerweise sollten kleinere Fortschritte bzw. eher eine Evolution der Energieeffizienz angenommen werden.

Im Jahr 2009 ist rezessionsbedingt mit einem deutlichen absoluten PEV-Rückgang zu rechnen. Im ersten Halbjahr lag er bei etwa 6%. Davon waren fast alle Energieträger betroffen, am stärksten die Steinkohle mit einem Verbrauchsrückgang von 22%. Lediglich der Mineralölverbrauch nahm hauptsächlich aufgrund der gesunkenen Heizölpreise sogar noch um 1% zu. Letzteres zeigt, wie sehr die Trends beim Energieverbrauch neben exogenen Faktoren wie der Wirtschafts- und der Temperaturentwicklung von den relativen Veränderungen bei den Energiepreisen beeinflusst werden, die sich seit 2008 sehr turbulent entwickelt haben.

Die CO2-Emissionen sanken in Deutschland 2008 sogar trotz der leichten PEV-Zunahme und erreichten den tiefsten Stand seit 1990 (mit einer Gesamtminderung von rund 22%). Die CO2-Emissionen aus der Kohlenutzung sind dabei im Vergleich der Energieträger bislang weit überproportional zurückgegangen (seit 1990 um 39%), während sie beim Öl nicht so stark rückläufig sind (-19%) und beim Erdgas gar zugenommen haben (+ 43%).

In der deutschen Stromerzeugung zeichnen sich weniger Niveau - als vielmehr Strukturveränderungen ab. Zwar hat es durch die konjunkturelle Talfahrt der deutschen Volkswirtschaft und den enormen Stromverbrauchsrückgang gerade in der deutschen Industrie in der ersten Jahreshälfte auch hier einen – allerdings nur zeitweisen – Niveaueinbruch gegeben. Er dürfte durch den nächsten Wirtschaftsaufschwung wieder korrigiert werden. Längerfristige Entwicklungen auf der Verbrauchsseite werden den Stromverbrauch künftig eher nach oben treiben. Zu nennen wären etwa die Ausbreitung der elektronischen Informations- und Kommunikationstechnologien, der Trend zu dezentraleren Erzeugungsstrukturen, der Ausbau der Wärmeversorgung aus KWK-Anlagen, Fortschritte in der Nutzbarkeit der Wasserstofftechnologie oder auch das mittlerweile viel beschworene Wachstumspotenzial der Elektromobilität. Und dies steht nicht im Widerspruch zu dem Ziel, Energie insgesamt noch effizienter zu nutzen. Umso dringlicher wird es, für die Stromerzeugung in Deutschland eine langfristig verlässliche Basis sicherzustellen.

Die veränderten klima- und energiepolitischen Weichenstellungen der letzten Jahre haben demgegenüber gerade im Elektrizitätssektor manche Planungsunsicherheiten erzeugt. Die mit ihnen verbundenen Strukturveränderungen haben zugleich erhebliche versorgungspolitische Konsequenzen. Denn die im Hinblick auf die Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland tragenden und bislang in hohem Maß verlässlichen Beiträge von Kohle und Kernenergie gehen immer mehr zurück. 2008 entfielen in der Stromerzeugung Anteile von knapp 44% auf die Kohle (Braunkohle: 24%, Steinkohle: 20%) sowie 23% auf die Kernenergie. Im Jahr 2000 lagen diese Anteile noch bei 51% Kohle (Braunkohle: 26%, Steinkohle: 25%) sowie knapp 30% Kernenergie. Zusammengenommen hat sich der Anteil von Kohle und Kernenergie an der Stromerzeugung in Deutschland seit dem Jahr 2000 um fast ein Fünftel verringert.

Ein starker und anhaltender Zuwachs hat sich dagegen im selben Zeitraum für die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien (insb. Biomassestrom, Windkraft und Wasserkraft) ergeben. Ihr Anteil erreichte 2008 bereits 15% und soll künftig weiter ausgebaut werden. Im Jahr 2000 lag ihr Anteil erst bei 6%. Ähnliches gilt für das Erdgas – wenngleich mit nicht ganz so schnellem Zuwachstempo. Sein Anteil lag 2008 bei 13% (2000 waren es erst 9%). Erneuerbare Energien und Erdgas zusammengenommen haben also seit 2000 ihren Anteil verdoppelt. Diese Parallelentwicklung ist nicht ganz zufällig erfolgt und dürfte sich fortsetzen. Denn zur Absicherung einer stetigen Versorgungsleistung der erneuerbaren Energien werden Kapazitäten an Reserve- und Regelenergie benötigt. Wirtschaftlich günstiger ist dazu der Zubau von weniger kapitalintensiven Erdgaskraftwerken, auch wenn die Preis- und Lieferrisiken beim Erdgas höher sind als bei der Kohle. Der bisher sehr ausgewogene Primärenergiemix in der deutschen Stromerzeugung verändert sich also merklich. Er könnte sich schon in absehbarer Zukunft auf eine immer schmalere Basis an Energieträgern bzw. -quellen verengen. Für die Sicherheit der Primärenergieversorgung und der Stromerzeugung ist das keine positive Entwicklung.

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Primärenergieverbrauch in Deutschland
Primärenergieverbrauch in Deutschland
Strommasten
Strommasten
Stromerzeugung in Deutschland 2008
Stromerzeugung in Deutschland 2008