Verantwortlich handeln. Perspektiven schaffen.

Kapitel 1
Rahmenbedingungen

Auslaufrahmen des deutschen Steinkohlenbergbaus

Die Bergbauplanung der RAG ist unter dem Motto „Erfahrung. Verantwortung. Zukunft“ mit einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Unternehmensstrategie für die Zeit nach dem Ende des Bergbaus verknüpft worden.

Darin wird wie vereinbart und politisch vorgegeben ein sozialverträglicher Belegschafts- und Kapazitätsabbau durchgeführt, der sich 2014 und 2015 planmäßig fortgesetzt hat. Nach einschneidenden Stilllegungsschritten in den Vorjahren gab es im Jahr 2014 zwar keine Bergwerksstilllegung, aber auf den noch verbliebenen drei aktiven Steinkohlenbergwerken – im Ruhrrevier Prosper-Haniel in Bottrop und Auguste Victoria in Marl sowie Ibbenbüren im Tecklenburger Land – gleichwohl eine weitere Belegschaftsanpassung um rund 2 400 auf noch 12 100 Bergleute zum Jahresende. Das Jahr 2015 ist dadurch gekennzeichnet, dass die Beschäftigtenzahl des deutschen Steinkohlenbergbaus erstmals seit Gründung der RAG (bzw. der früheren Ruhrkohle AG) und zugleich erstmals in Deutschland seit über 150 Jahren unter die Marke von 10 000 gefallen ist. Zum Jahreswechsel 2015/2016 steht zudem mit der Schließung des Bergwerks Auguste Victoria planmäßig die nächste Stilllegung an. Die Produktion heimischer Steinkohle wird dadurch von 7,6 Mio. t v. F. im Jahr 2014 auf voraussichtlich 6,2 Mio. t v. F., also um weitere gut 18 %, zurückgeführt werden.

Im Bergwerk Auguste Victoria ist im Frühjahr 2015 der letzte Abbaubetrieb angelaufen, aus dem bis zum Jahresende rund 700 000 t Steinkohle in einer Teufe von 1 400 m gefördert werden sollen. Die Geschichte des Bergwerks Auguste Victoria wird in Kapitel 2 in einem Gastbeitrag ausführlich dargestellt. Während im Bergwerk Ibbenbüren die dort aufgeschlossenen Anthrazitkohlenvorräte mit bewährter Technik weiter abgebaut werden, ist auf dem Bergwerk Prosper-Haniel Ende 2014 der erste Abbaubetrieb im Flöz Zollverein 1/2 mit einer neuen Strebausrüstung angelaufen. Vorgesehen sind dort bis 2018 insgesamt drei Bauhöhen, aus denen rund 2,7 Mio. t Steinkohle gefördert werden sollen. Das Flöz Zollverein stellt wegen seiner für hiesige Verhältnisse außerordentlich großen Mächtigkeit (um die 3,50 m) besondere Anforderungen an die Berg- und Maschinentechnik. So ist ein neuer Schildausbau erforderlich geworden, und es muss der größte verfügbare Walzenlader der RAG zum Einsatz gebracht werden. Diese und andere Investitionen und Maßnahmen sorgen für einen leistungsfähigen Abbaubetrieb im verbleibenden Auslaufprozess.

Letzteres macht deutlich, dass zentrales Unternehmensziel der RAG bis zum Auslauf des Steinkohlenbergbaus neben der sozialverträglichen Belegschaftsanpassung die Erfüllung der Produktionsziele für die zuverlässige Versorgung der Kunden ist. Parallel zum geordneten Auslaufprozess bei der Förderung von Steinkohle verstärkt die RAG in ihren Beteiligungen weiter ihr Engagement rund um die Kohle: von Vertrieb und Logistik für Kohleprodukte über Know-how-Vermarktung und Rohstoffanalyse bis zu innovativen Lösungen für ehemalige Kohleflächen und umweltorientierter Bergbau-Folgenutzung, wie vor allem der Nutzung von Bergbau-Infrastruktur für erneuerbare Energien (zum Beispiel Windkraftanlagen auf Halden). Damit leistet die RAG im Rahmen ihrer Möglichkeiten zukunftsorientierte aktive Beiträge zum Strukturwandel in den Regionen und zur Energiewende in Deutschland.

Zugleich ist der deutsche Steinkohlenbergbau bestrebt, sein aus der Erfahrung mit der Gewinnung von Bodenschätzen gesammeltes Wissen an die kommende Generation weiterzugeben und seine Standorte und Ressourcen auch in jeglicher anderer Weise in Verantwortung für die Zukunft einzusetzen, kurzum nachhaltig zu handeln. Das betrifft die soziale Dimension ebenso wie die ökologische und die wirtschaftliche Dimension der Nachhaltigkeit. Die soziale Dimension zeigt sich nicht nur in dem Leitsatz „Kein Bergmann darf ins Bergfreie fallen“, was für den jüngeren Teil der Belegschaft, der nicht im Zuge des Auslaufprozesses in den (Vor-)Ruhestand gehen oder in die Nachbergbaugesellschaft übernommen werden kann, die Qualifizierung und Vermittlung in andere Arbeitsverhältnisse außerhalb des Bergbaus bedeutet, wie zum Beispiel durch die gezielte Kooperation mit der Evonik Industries AG oder mit der Deutschen Bahn AG. Der soziale Anspruch des deutschen Steinkohlenbergbaus zeigt sich ebenso in der Priorität des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in sämtlichen Produktionsprozessen, in einer beidseitig stark ausgeprägten Sozialpartnerschaft und auch in der Pflege und Sicherung seines kulturellen Erbes.

Die ökonomische und die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit gehen in einem verantwortungsvoll betriebenen Steinkohlenbergbau seit je Hand in Hand. Das beginnt bei einer ressourcenschonenden Rohstoffgewinnung und endet im „Recycling“ ehemaliger Bergbauflächen für neue Gewerbe und eine zukunftsgerichtete Stadtentwicklung oder der energetischen Neunutzung von Liegenschaften für den Ausbau regenerativer Energien oder Energieeffizienzmaßnahmen. Beispielhaft ist in diesem Zusammenhang die Partnerschaft der RAG mit der vor einigen Jahren gestarteten ökologischen Entwicklung der einst klassischen Bergbaustadt Bottrop zur Modellstadt „InnovationCity Bottrop“, die inzwischen überregionale und sogar internationale Beachtung gefunden hat. Die RAG hat sich zudem mit fünf Teilprojekten in das Projekt „klimametropole RUHR 2022“ der KlimaExpo.NRW eingebracht, die exemplarisch verdeutlichen, welche Potentiale das industrielle Erbe des Steinkohlenbergbaus in dieser Hinsicht bietet.

Die RAG trifft nachhaltige Vorsorge für die Zeit nach dem Auslauf des Steinkohlenbergbaus. Das ist an sich keine ganz neue Anforderung, denn der Anpassungsprozess läuft seit Jahrzehnten und jeder Bergbau findet stets ein natürliches Ende spätestens dann, wenn die gewinnbaren Vorkommen erschöpft sind. In Deutschland wird er trotz noch großer naturgegebener Vorkommen politisch gewollt vorzeitig beendet und mit ihm seine lange Industriegeschichte. Mit dem Auslauf des aktiven Steinkohlenbergbaus wird jedoch keineswegs die bergbauliche Verantwortung der RAG enden. Die RAG wird auch nach 2018 die von ihr zu verantwortenden Bergschäden regulieren und die Sicherung alter Schächte und des oberflächennahen Altbergbaus in ihrem Verantwortungsbereich gewährleisten. Das gilt für insgesamt rund 7 300 Tagesöffnungen im Ruhrrevier, an der Saar und in Ibbenbüren. Dafür besitzt die RAG auch nach 2018 zusammen mit dem Eigentumsrecht weiterhin die Mittel und die Kompetenz. Hinzuweisen ist allerdings darauf, dass etwa in Nordrhein-Westfalen weniger als 10 % aller Tagesöffnungen in den Verantwortungsbereich der RAG fallen. Die übrigen gut 90 % unterstehen anderen Bergbaunachfolgegesellschaften oder, soweit es für sie keinen Rechtsnachfolger gegeben hat oder gibt, juristisch der Verantwortlichkeit des Landes. Die Problematik des „Altbergbaus“ in Deutschland ist also entgegen manchen Einschätzungen keineswegs eine reine RAG-Angelegenheit.

Nachbergbauliche Verantwortung besteht für die RAG zudem in allen Fragen, die in ihrem Zuständigkeitsbereich mit der Grubenwasserhaltung und dem damit verbundenen Wassermanagement zusammenhängen. Hier sind unbefristet die sogenannten operativen Ewigkeitsaufgaben zu erfüllen, vom permanenten Pumpen in den stillgelegten Grubengebäuden über die Grundwasserreinigung bis hin zu den Poldermaßnahmen in Bergsenkungsarealen.

Anpassung im deutschen Steinkohlenbergbau
Anpassung im deutschen Steinkohlenbergbau
EU-rechtlich genehmigte Stilllegungsbeihilfen für den deutschen Steinkohlenbergbau
EU-rechtlich genehmigte Stilllegungsbeihilfen für den deutschen Steinkohlenbergbau
Steinkohlenbergwerke und Standorte in Deutschland
Steinkohlenbergwerke und Standorte in Deutschland