Gesamtverband Steinkohle e. V. - Jahresbericht Steinkohle 2015

Kapitel 2
Das Bergwerk Auguste Victoria -zu jeder Zeit ein verlässlicher Partner

So ging es weiter – technische und bauliche Fortschritte des Bergwerks

Im Jahr 1922 wurde von der Gewerkschaft Auguste Victoria ein Plan wieder aufgegriffen, im nördlichen Teil des Grubenfeldes von Auguste Victoria die Doppelschachtanlage 3/4 abzuteufen. Wegen der Ruhrbesetzung und der Inflation konnten die Gefrierbohrungen aber erst 1925 fortgesetzt werden. Im Dezember 1926 erreichte der Schacht AV 3 seine Endteufe von 820 m, stürzte aber 1927 kurz vor der Inbetriebnahme infolge eines Bruchs der Tübbingsäule ein. Im Jahr 1934 wurde erneut mit dem Abteufen begonnen und ein Jahr später konnte der Schacht fertiggestellt werden.

Der Ausbau der untertägigen Energieversorgung durch Druckluft und Strom führte zur Anwendung des Abbauhammers und der Presslufthacke in der Kohlengewinnung. Lag die Zahl der Abbauhämmer im Ruhrbergbau im Jahr 1913 noch bei 264, so waren es 1925 fast 45 000. Im Jahr 1930 standen schließlich über 78 000 Abbauhämmer in Gebrauch.4) ,5) Der Anteil der so gewonnenen Kohle an der Gesamtförderung stieg dementsprechend von 2,2 % (1913) auf 92,2 % (1930).6) Die Kohlengewinnung mittels Schrämmaschinen erfolgte zuerst im nördlichen Teil des Ruhrgebiets, traf man hier in den Gas-und Flammkohlenschichten doch auf härtere Flöze als in den südlich gelegenen Bergbaurevieren. Auf Auguste Victoria wurden Stangen-und Kettenschrämmaschinen in flacher Lagerung seit 1924 eingesetzt. 7) Der endgültige Durchbruch der Schrämmaschinen und Kohlenhobel gelang allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf Auguste Victoria waren im Jahr 1925 sechs Großschrämmaschinen und 299 Bohrhämmer im Einsatz.

Das Bergwerk Auguste Victoria gehörte zu den wenigen Ruhrzechen, auf denen auch Erz abgebaut wurde. Auf der im Jahr 1931 in Betrieb genommenen Doppelschachtanlage AV 4/5 fuhren die Erzbergleute ein, weshalb sie auch als „Erzschacht“ bezeichnet wurde. Die Förderung des Erzes nach über Tage erfolgte allerdings an den Schächten AV 1/2. Aufgrund fallender Blei-und Zinkpreise rentierte sich der Abbau von Erz später nicht mehr und wurde auf Auguste Victoria im Jahr 1962 eingestellt.

Weitere Schächte folgten: Im Jahr 1950 wurde mit dem Abteufen des Schachtes 6 begonnen. Er diente als Wetterschacht für die Anlagen AV 1/2 und 3.

Im Jahr 1957 begannen unmittelbar neben Schacht 3 die Teufarbeiten des neuen Förder-und Wetterschachtes AV 7. Dieser Schacht sollte zum einen eine wesentlich bessere Wetterführung, auch für AV 1/2, zum anderen eine Steigerung der Förderkapazität ermöglichen.

Im Jahr 1963 wurde die Kokerei stillgelegt und 1966 erfolgte die Aufgabe der Förderstandorte AV 1/2 und AV 4/5. In Haltern-Lippramsdorf begannen die Arbeiten für das Abteufen des Schachtes AV 8 als Wetterschacht.

In den 1950er Jahren wurden in der schneidenden Gewinnung diverse Schrämmaschinen entwickelt, die mit Meißeln besetzte Schneidpilze und Walzen besaßen. Die Anzahl der schneidenden Gewinnungsmaschinen hatte sich allein zwischen 1948 und 1953 verfünffacht.8), 9) Der Walzenschrämlader, eine kombinierte Kohlengewinnungs-und Lademaschine, wurde im Jahr 1956 im Ruhrbergbau eingeführt und auf Auguste Victoria 1958 erstmals in Betrieb genommen.10), 11)

Mit dem Walzenschrämlader und dem im Jahr 1961 eingeführten Doppelwalzenschrämlader erfolgte bis 1965 die Ablösung der Schrämmaschine durch die vollmechanische schneidende Gewinnung.12) Der Abbauhammer, dessen Anteil an der Gesamtförderung des Ruhrgebiets im Jahr 1951 noch bei fast 73 % lag, wurde schon gegen Ende des Jahrzehnts von den neuen, mechanischen Gewinnungsmethoden weitgehend verdrängt.13)

In den 1960er Jahren wurde die Kohlengewinnung im Ruhrgebiet und auch auf Auguste Victoria weitgehend vollmechanisiert. Seit dem 1. April 1964 wurde nach Angaben der Werksleitung auch auf der Schachtanlage 1/2 kein Abbauhammer mehr zur Kohlengewinnung eingesetzt.

Im Material-und Personentransport mit Einschienenhängebahnen, die an einem aufgehängten Schienenstrang geführt und unabhängig vom Sohlenzustand betrieben werden können, waren seit 1977 auf Auguste Victoria erstmals auch Dieselkatzen im Einsatz.14) Eine Besonderheit bildete die Personenbeförderung auf einem 300 Sitze umfassenden Lift im Ostberg der 5. Abteilung des Bergwerks Auguste Victoria.15) Dieser Sessellift beförderte die insgesamt 450 dort eingesetzten Bergleute auf einer 780 m langen Strecke.

Der Streckenvortrieb war auf Auguste Victoria nun vorwiegend Richtung Norden gerichtet, wo die Zukunft des Bergwerks im damals noch weitgehend unerschlossenen Feld Lippramsdorf lag. Die Teilschnittmaschine AM 75 der Firma Voest-Alpine wurde zuerst im Westfeld des AV-Grubenbetriebes eingesetzt und von einer Mannschaft der Thyssen Schachtbau GmbH bedient.

Im Jahr 1982 wurde der Schacht AV 8 zum Seilfahrtsschacht ausgebaut und in Betrieb genommen. In der Hohen Mark wurde der Schacht 9 abgeteuft und 1990 als Wetterschacht zur Versorgung des Nordfeldes in Betrieb genommen.

Am 19. Oktober 1999 traf der Vorstand der Deutschen Steinkohle AG (DSK) die Entscheidung, das Bergwerk Blumenthal/Haard in Recklinghausen und Oer-Erkenschwick mit Auguste Victoria zu einem Verbundbergwerk zusammenzuschließen. Der Durchschlag der Verbundstrecke erfolgte im November 2001.

Im Jahr 2003 wurde das Rahmenbetriebsplanverfahren abgeschlossen, das die Steinkohlenförderung bis zum 31. Dezember 2015 genehmigte.

Zusätzliche Investitionen waren notwendig, um die maschinelle Ausrüstung im Untertagebetrieb von der Vortriebstechnik über die Kohlengewinnung bis zu den Fördereinrichtungen auf dem neuesten Stand zu halten. So wurde auf Auguste Victoria in den letzten Betriebsjahren die „mittlerweile fast standardmäßige Technik des (Eickhoff-)Walzenladers“ SL 750 eingesetzt.16) Der Walzenlader – Gesamtgewicht 78 t ohne Schneidwalzen – wurde für Flözmächtigkeiten von 2,40 m bis 4,00 m konzipiert. Das jüngste Modell des SL 750 mit EiControlPlus-Technologie arbeitet vollautomatisch und unterscheidet über Infrarotsensorik zwischen Kohle und Nebengestein.17)

Zu den bedeutenden Investitionen im Übertagebetrieb gehörte im Jahr 2004 der Bau eines modernen Zentrallagers auf AV 3/7, das alle Bergwerke der RAG Aktiengesellschaft belieferte.

Im Juli 2014 wurde mit dem Aufbau der ersten zwei von insgesamt drei Windenergieanlagen auf der Halde Brinkfortsheide in Marl begonnen. Betreiber der Anlage ist die Brinkfortsheide GmbH, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der RAG Montan Immobilien GmbH. Beide Windkraftanlagen sollen zukünftig circa 5 300 Dreipersonenhaushalte mit je 3 500 kW Strom pro Jahr versorgen können.18) Nach Beendigung der Bergeschüttungen auf die Althalde und Haldenerweiterung sowie der Fertigstellung der Begrünung und der Wegeführungen soll die Bergehalde der Öffentlichkeit als Landschaftsbauwerk zugänglich gemacht werden.19)