Gesamtverband Steinkohle e. V. - Jahresbericht Steinkohle 2015

Kapitel 4
Internationale Energie -und Rohstoffmärkte

Steinkohle im Kontext weltweiter Energietrends

Rohölpreisverfall und Fracking-Boom in den USA

Die Jahre 2014 und 2015 stehen ganz im Zeichen des weltweiten Rohölpreisverfalls, der bislang immense Auswirkungen auf alle Weltenergiemärkte hatte. Ausgehend vom Höchstwert des Jahres 2014 am 23. Juni von 115 US-$/bbl (bbl = blue barrel, 1 bbl = 159 l) halbierte sich beispielsweise der Preis der für den nordwesteuropäischen Markt relevanten Rohölleitsorte Brent auf 57 US-$/bbl zum Jahresende. Nachdem der Ölpreis mit knapp 46 US-$/bbl Mitte Januar 2015 sein tiefstes Niveau seit März 2009 erreicht hatte, pendelte sich der Brent-Ölpreis zur Jahresmitte 2015 bei rund 64 US-$/bbl ein. Zurückgeführt wird diese Entwicklung auf das erhebliche Überangebot auf den internationalen Rohölmärkten, vor allem verursacht durch den Fracking-Boom bei Schieferöl und -gas in den Vereinigten Staaten und die Förderquotenpolitik der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC). Der Produktionszuwachs beim US-Schieferöl war so stark, dass die USA im vergangenen Jahr zum weltgrößten Rohölproduzenten wurden, noch vor dem bisherigen Spitzenreiter Saudi-Arabien. Die OPEC ihrerseits behielt die seit Dezember 2010 geltende Rohölförderquote von 30 Mio. bbl/Tag jedoch unverändert bei und ließ die Marktkräfte für sich arbeiten. Der extreme Preisrückgang auch für die US-Rohölleitsorte West Texas Intermediate (WTI) zwang einige Schieferölförderer mit hohen Produktionskosten zu Mengenkürzungen bis hin zum Marktaustritt. Nach Einschätzung der Energieexperten der Energy Information Administration des US-Energieministeriums (EIA) im Annual Energy Outlook 2015 wird sich der Fracking-Boom in den USA dadurch aber nicht nachhaltig bremsen lassen, sondern sich mittel-bis langfristig weiter fortsetzen und die USA irgendwann zwischen 2019 und 2030 – je nachdem, welches der sechs EIA-Szenarien bemüht wird – von Erdöl-und Erdgasimporten unabhängig machen. Die USA könnten zudem in der Zukunft zu einem bedeutenden Exporteur von Rohöl werden. Das nach der ersten Ölkrise 1973 in Kraft gesetzte Rohölexportverbot wurde von der US-Regierung im Sommer 2014 bereits aufgehoben.

Auch die US-Schiefergasproduktion wurde in den vergangenen Jahren stark erhöht, wodurch insbesondere Kraftwerkskohle in hohem Umfang aus der US-Stromerzeugung gedrängt wurde und die Erdgasexporte in begrenztem Umfang zunahmen. Über den Bau weiterer LNG-Terminals zum Export von Schiefergas über den Seeweg nach Europa und Asien wird derzeit nachgedacht.

Die IEA allerdings teilt die Erwartungen der EIA nicht, sondern rechnet damit, dass die US-Jahresförderung von Schieferöl noch vor 2020 zurückgehen und die weltweit stark ansteigende Rohölnachfrage dann wieder von wenigen, zum Teil sehr krisenanfälligen Öllieferländern abhängen wird.

Verschärfung internationaler Kritik an der Kohlenutzung

Nicht erst seit dem Aufkommen der Treibhausgasdebatte sieht sich der Energieträger Kohle starken Angriffen ausgesetzt. In Deutschland wie auch anderen EU-Ländern, zum Beispiel Spanien, wurde zuerst die Subventionierung der heimischen Steinkohle in Frage gestellt, was letztendlich zur Einleitung des Ausstiegs aus dem heimischen Steinkohlenbergbau führte. Mit zunehmenden Steinkohlenimporten wurden dann die Herkunft der Kohle und insbesondere die Abbaubedingungen in den Herkunftsländern hinterfragt. Und seit Beginn der Diskussion um einen anthropogen verursachten Klimawandel stehen vor allem die Nutzung von Kohle und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen international in der Kritik. Auf den Weltklimakonferenzen der Vereinten Nationen (UN) wurde die Reduzierung insbesondere von energiebedingten CO2-Emissionen ein Dauerthema, globale verbindliche Klimaschutzvereinbarungen stehen aber bislang aus.

An der internationalen Kohleindustrie indes ist diese Diskussion nicht spurlos vorbeigegangen, auch wenn einige Umweltverbände das Gegenteil behaupten. Sowohl Produzenten als auch Kraftwerksbetreiber und Stahlerzeuger sind sich bewusst, dass Kohle im gegenwärtigen Umfeld nur unter Ausnutzung aller Effizienzverbesserungspotentiale – zum Beispiel Verbesserung des Wirkungsgrades und dadurch Verringerung der Emissionen – und durch Erforschung und Entwicklung sogenannter Clean-Coal-Technologien bis hin zur Abscheidung und Nutzung bzw. Speicherung von CO2 langfristig eine bedeutende Rolle im weltweiten Energiemix spielen kann, und tragen dem mit unterschiedlichen Projekten Rechnung. Gänzlich wird auf die energetische Nutzung von Kohle in absehbarer Zeit eben nicht verzichtet werden können, da sprechen die aktuellen fundamentalen Daten und Prognosen internationaler Forschungseinrichtungen, wie zum Beispiel der IEA, eine deutliche Sprache. Trotz aller Bemühungen hat sich die internationale politische und gesellschaftliche Kritik insbesondere an der Kohlenutzung in diesem Jahr aber erheblich verschärft, zum Teil getrieben durch die nächste UN-Klimakonferenz (COP21), die vom 30. November bis 11. Dezember 2015 in Paris stattfindet.

Klimapolitische Absichtserklärungen des G7-Gipfels

Auf dem diesjährigen G7-Gipfel im bayerischen Schloss Elmau im Juni war der Klimawandel denn auch eines der Kernthemen. In der deutschen Fassung der G7-Abschlusserklärung betonten die Staats-und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Großbritannien und den USA im Hinblick auf die Begrenzung der Erderwärmung, „dass tiefe Einschnitte bei den weltweiten Treibhausgasemissionen erforderlich sind, einhergehend mit einer Dekarbonisierung der Weltwirtschaft im Laufe dieses Jahrhunderts“. Die G7-Staaten streben danach unter Hinweis auf den 5. Sachstandsbericht des Weltklimarats der UN (International Panel on Climate Change – IPCC) vom September 2013 und der daraus abgeleiteten Dringlichkeit der Bekämpfung des Klimawandels einen Umbau der weltweiten Energiewirtschaft an, weg von der Nutzung fossiler Energieträger hin zu erneuerbaren Energiequellen. Die G7-Mitglieder bekennen sich damit ausdrücklich zur Begrenzung des Anstiegs der weltweiten mittleren Durchschnittstemperatur auf maximal 2 °C gegenüber dem Niveau vor der Industrialisierung, entsprechend der Klimarahmenkonvention der UN vom Dezember 2010.

Auch wird der Zielzustand „100 % Erneuerbare“ weltweit bis Ende des laufenden Jahrhunderts angestrebt. Zudem sollen schon bis Mitte des Jahrhunderts die Treibhausgasemissionen der G7-Staaten gegenüber dem Stand im Jahr 2010 – den IPCC-Empfehlungen folgend – um 40 bis 70 % zurückgefahren werden. Konkret werden zur Erreichung der Reduzierungsziele zwei Maßnahmen genannt. Zum einen soll der Handel mit Kohlekraftwerkstechnologie durch die restriktive Vergabe von Exportkrediten stark begrenzt werden. Hierbei wird aber außer Acht gelassen, dass gerade Entwicklungsländer beim Auf-und Ausbau ihrer Energieinfrastruktur bevorzugt auf günstige und möglichst im eigenen Land vorkommende Energierohstoffe – häufig ist dies Kohle – zurückgreifen. Ist fortgeschrittene Kohlekraftwerkstechnik dann nicht verfügbar oder finanzierbar, kommt nicht mehr zeitgemäße Technik mit schlechteren Wirkungsgraden zum Einsatz. Ganz im Gegenteil müssten diese Länder sogar Unterstützung beim Aufbau ihrer Energieinfrastruktur erhalten, auch für technisch fortgeschrittene Kohlefeuerungsanlagen. Hierzu laufen bereits seit vergangenem Jahr Informationskampagnen der internationalen Kohleindustrie, zum Beispiel das Projekt „Advanced Coal for Life“ des US-Steinkohlenförderers Peabody. Einem ähnlichen Ansatz folgt auch die zweite geplante Maßnahme des G7-Gremiums, über sogenannte Klimaversicherungen ärmere Länder im Falle von ökonomischen Belastungen infolge des Klimawandels stärker als bisher finanziell zu unterstützen.

Letztendlich appelliert die G7-Runde im Hinblick auf die anstehende UN-Klimakonferenz an die übrige Weltgemeinschaft, sich aktiv zu einem internationalen und verbindlichen Klimaschutzabkommen zu bekennen. Das Abschlussdokument zum G7-Gipfel benennt zwar Ziele, unterlässt aber den Beschluss verbindlicher Verpflichtungen. Im Anschluss an das G7-Treffen teilte der kanadische Ministerpräsident Stephen Harper der Presse mit, dass Kanada keine Pläne habe, „to turn off the lights“ – die Lichter ausgehen zu lassen –, und nicht beabsichtige, seine Ölsandproduktion zu stoppen und einen überstürzten Wechsel in eine neue Energiewelt zu vollziehen.

IEA-Sonderbericht „Energy and Climate Change“ gibt Fahrplan zum Zwei-Grad-Ziel vor

Im Rahmen eines Sonderberichts im Vorfeld der Veröffentlichung ihres World Energy Outlook 2015 (WEO2015) mahnte die IEA Mitte Juni 2015 erneut dringenden Handlungsbedarf zur Begrenzung von Auswirkungen des globalen Klimawandels an. Zur Begrenzung weltweiter energiebedingter CO2-Emissionen wurden bereits Erfolge erzielt. Im vergangenen Jahr entkoppelten sich erstmals seit mehr als 40 Jahren Weltwirtschaftswachstum und globaler CO2-Emissionsanstieg voneinander. Energiebedingte CO2-Emissionen blieben gegenüber dem Vorjahr konstant, obwohl das Weltwirtschaftswachstum um 3 % zunahm. Zudem basierte annähernd die Hälfte der weltweit hinzugebauten Kraftwerkskapazitäten auf erneuerbaren Energieträgern. In Vorbereitung der Weltklimakonferenz 2015 in Paris haben die Staaten, auf die insgesamt 34 % der weltweiten energiebedingten Treibhausgasemissionen entfallen, bis zum 14. Mai 2015 ihre neuen Reduktionsziele eingereicht, die als „Intended Nationally Determined Contribution“ (INDC) bezeichnet werden. Beispielsweise verpflichten sich die USA, ihre Treibhausgasemissionen von 2005 bis 2025 um 26 bis 28 % zu senken, die EU verspricht im Zeitraum 1990 bis 2030 einen Rückgang von mindestens 40 %. Die IEA hat aufgrund der vorliegenden Daten ein INDC-Szenario hochgerechnet, aus dem ersichtlich ist, dass selbst damit das Zwei-Grad-Ziel der UN-Klimarahmenkonvention nicht mehr zu erreichen wäre. Dem INDC-Szenario zufolge betrüge der Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur gegenüber dem vorindustriellen Niveau rund 2,6 °C im Jahr 2100 und rund 3,5 °C 100 Jahre später.

Eine wichtige Wegmarke auf dem Pfad zur Erreichung des Zwei-Grad-Ziels ist die Erreichung eines maximalen Niveaus der jährlichen weltweiten Treibhausgasemissionen – eines Scheitelpunkts – noch vor dem Jahr 2020. Um bis dahin einen solchen Scheitelpunkt zu erreichen, hat die IEA eine „Überbrückungsstrategie“ vorgeschlagen und deren Auswirkungen in einem zusätzlichen „Bridge Scenario“ analysiert. Demnach würde im Zeitraum 2013 bis 2030 der Beitrag der Kohle zur Deckung des Welt-PEV um durchschnittlich 0,8 %/Jahr sinken. Ihr Anteil am PEV würde von 29 % im Jahr 2013 auf 22 % im Jahr 2030 fallen. Alle anderen Energieträger weisen in diesem Szenario hingegen mehr oder weniger hohe jährliche Zuwachsraten auf. Erdöl (+ 0,1 %/Jahr) würde im Jahr 2030 mit 28 % wichtigster Energieträger bleiben, Erdgas (+ 1,2 %/Jahr) würde die Kohle überholen und käme auf einen Anteil von 23 %. Die erneuerbaren Energieträger (ohne Wasserkraft und Bioenergie) würden mit 9,2 %/Jahr am stärksten ansteigen, wären aber mit einem PEV-Anteil von 5 % immer noch relativ unbedeutend. Bei der globalen Stromerzeugung würde Kohle zwar noch dominieren, mit einem jährlichen Rückgang um 1,8 % würde ihr Beitrag aber von 48 % auf 31 % regelrecht abstürzen. Erdgas (+ 1,1 %) würde sich auf einen Anteil von 24 % verbessern, das in diesem Verbrauchssektor fast unbedeutende Erdöl hingegen würde mit einem Rückgang von 4,6 %/Jahr auf einen Anteil von 2 % zurückfallen. Gewinner wären auch hier die erneuerbaren Energieträger, die um 9,8 %/Jahr auf einen Anteil von 11 % anwachsen würden.

Um diese Entwicklung zu ermöglichen, schlägt die IEA ein Bündel von Maßnahmen vor, die auf der Weltklimakonferenz in Paris auf höchster politischer Ebene verbindlich beschlossen werden müssten:

» Bauverbot für Kohlekraftwerke mit geringen Wirkungsgraden.

» Einsatzreduzierung bereits im Bau befindlicher, gering effizienter Kohlekraftwerke, wobei sichergestellt sein muss, dass diese zumindest ihre Investitionskosten decken.

» Stilllegung aller älteren, ineffizienten, bereits abgeschriebenen Kohlekraftwerke.

» Höhere Investitionen in erneuerbare Energien(von 270 Mrd. US-$ im Jahr 2014 auf 400 Mrd. US-$ im Jahr 2030).

» Schrittweiser Abbau von Subventionen für fossile Energieträger und schließlich die komplette Abschaffung solcher Beihilfen bis 2030.

» Verbesserung der Energieeffizienz in der Industrie sowie im Bau-und Transportbereich.

» Senkung der Methanemissionen bei der Öl-und Gasförderung und -aufbereitung.

Um den Reduzierungsprozess zu begleiten, den Fortschritt zu dokumentieren und um Anreize für zusätzliche Anstrengungen zu schaffen, hält die IEA regelmäßige Revisionen der Reduktionsbeiträge und die Festsetzung neuer Reduktionszielvorgaben in fünfjährigem Abstand für sinnvoll.

Der Maßnahmenkatalog der IEA richtet sich vor allem gegen die Kohle, trotz der Erkenntnis, dass sie im weltweiten Energiemix auch nach IEA-Prognosen weiter dringend benötigt wird. Die relativ einseitige Ausrichtung auf die Kohle wird damit begründet, dass im vergangenen Jahr 44 % der energiebedingten CO2-Emissionen auf diesen Energieträger entfielen, während die Anteile von Erdöl bei 35 % und Erdgas bei 20 % lagen. Aber einzig die Kohle an den Pranger zu stellen, Erdgas als umweltfreundliche Brückentechnologie zu sehen und Erdöl als unverzichtbar zu betrachten, geht an einem nachhaltigen, technisch und wirtschaftlich umsetzbaren Zukunftspfad vorbei. Es ist jedoch richtig, dass Erdöl im Verkehrssektor nach wie vor wenig substituierbar ist, trotz ambitionierter Programme einiger Regierungen zum Ausbau der Elektromobilität. Langfristig ist individuelle Elektromobilität (Elektroautos, E-Bikes) aber schon eine betrachtenswerte Option, nicht zuletzt durch die Entwicklung geeigneter kompakter und mobiler sowie leistungsfähiger Energiespeicher.

Auch die in den Kapiteln 1 und 3 angesprochene Option, aus regenerativ erzeugtem Wasserstoff und CO2 Methanol oder synthetischen Dieselkraftstoff herzustellen, muss in diesem Kontext stärker berücksichtigt werden. Im Rahmen der Substitution von Rohöl spielt die bereits technisch umsetzbare Option alternativ hergestellter Treibstoffe eine wichtige Rolle. So kann sich CO2 vom ungeliebten Schadstoff zum gefragten Rohstoff wandeln, indem es zur Herstellung von Methanol und entsprechenden Kuppelprodukten genutzt wird.

Klimapolitischer Vorstoß der europäischen Öl-und Gasindustrie

Die Chefs von sechs europäischen Öl-und Gaskonzernen (BP, Total, Royal Dutch Shell, Statoil, ENI, British Gas) veröffentlichten am 1. Juni 2015 ein gemeinsames Schreiben an die Generalsekretärin der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) Christiana Figueres und den französischen Außenminister Laurent Fabius in seiner Eigenschaft als Gastgeber für die nächste Weltklimakonferenz. Insbesondere sprachen sie sich für die weltweite Einführung nationaler oder regionaler CO2-Preissysteme aus, die später durch ein internationales Rahmenwerk aneinander gekoppelt werden sollen. Hieraus geht ein für Außenstehende überraschender Sinneswandel der scheinbar geläuterten Unterzeichner hervor, die noch vor kurzem stringente Gegner derartiger Preissysteme waren. Ein solches System würde letztendlich für Erdgas im Strommarkt Wettbewerbsvorteile gegenüber dem Konkurrenzenergieträger Steinkohle bedeuten, der in diesem Jahr insbesondere in Europa von niedrigen Steinkohlenweltmarkt-und CO2-Preisen profitiert hat. Angesichts der Einführung einer Marktstabilitätsreserve im europäischen ETS mit dem Ziel der Verknappung von Emissionszertifikaten und der Hoffnung auf höhere CO2-Preise sowie der von der EU-Kommission vorgeschlagenen Reform des ETS wäre dieser Vorteil aber vielleicht nicht von langer Dauer. Nüchtern betrachtet ist es nicht weiter verwunderlich, dass die amerikanischen Ölkonzerne ExxonMobil und Chevron ihre Unterschrift verweigert haben, profitieren diese doch schon längst von niedrigen Gas-und Ölpreisen auf ihren Inlandsmärkten.

„Carbon Bubble“ bei den weltweiten Energierohstoffreserven?

Die weltweiten Reserven an Energierohstoffen haben sich dem diesjährigen BP Statistical Review of World Energy zufolge im Jahr 2014 gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. Die Vorräte an Mineralöl (354 Mrd. t SKE) und Erdgas (222 Mrd. t SKE) sind jeweils nur um weniger als 1 % angestiegen, für Stein-und Braunkohle (412 bzw. 150 Mrd. t SKE) liegen sie auf dem Niveau des Vorjahrs. Auch die regionale Verteilung auf die einzelnen 57 Kapitel 4 Internationale Energie-und Rohstoffmärkte Länder bzw. Staatengemeinschaften ist im Wesentlichen gleich geblieben. Beim Erdöl entfällt weiterhin fast die Hälfte der weltweiten Reserven auf die Ölstaaten in Nahost. Auch bei den weltweiten Erdgasreserven dominieren Länder aus der Nahostregion mit knapp der Hälfte der Weltreserven, Russland allein kommt dabei allerdings auf beachtenswerte 17 %. Bei Kohle verfügen die USA mit 27 % über die höchsten Vorräte, Russland und China folgen mit Anteilen von 15 bzw. 14 %.

Die bereits erwähnten und stark an Dynamik gewinnenden Debatten über den Klimawandel – insbesondere das entsprechende Bekenntnis der G7-Staaten zu einer langfristig orientierten Dekarbonisierung noch in diesem Jahrhundert – sorgen vor allem unter den dominierenden Rohstoffländern für erhebliche Unruhe, dabei hauptsächlich in jenen, die wirtschaftlich stark von den Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft abhängen. Um das viel diskutierte Zwei-Grad-Ziel erreichen zu können, müssten der britischen Denkfabrik Carbon Tracker zufolge vier Fünftel der fossilen Rohstoffvorräte „in situ“ – eben im Boden – bleiben. Die Bilanzen der Bergbaukonzerne müssten dann entsprechend korrigiert werden, ein Großteil der heutigen Unternehmenswerte wäre praktisch wertlos – vorausgesetzt, die erforderlichen Maßnahmen zur Erreichung der anvisierten Erderwärmungsbegrenzung würden auch wirklich im Rahmen verbindlicher zwischenstaatlicher Abkommen durchgesetzt. Eine solche „Kohlenstoffblase“, die sogenannte Carbon Bubble, hätte das Potential, die weltweiten Finanzmärkte erneut zu verunsichern. Dies wäre eine weitere Erklärung für die Beibehaltung der OPEC-Rohölförderquoten sowie für das nur scheinbar ungewöhnliche Marktverhalten einiger australischer Kohlebergbaukonzerne.

Divestment-Aufrufe zu Lasten der Kohle

Ob die Furcht vor dem Platzen einer Kohlenstoffblase eine Reihe hochrangiger Anleger und Staatsfonds dazu veranlasst, sich aus dem Geschäft mit fossilen Energieträgern zurückzuziehen, oder ob dies auf Deinvestitionskampagnen von Umweltverbänden und Bürgerinitiativen zurückgeht, die auf diese Weise der fossilen Energiegewinnung und -verwendung das Wasser abgraben wollen, ist nicht klar zu beantworten. Fest steht, dass die Börsenkurse praktisch aller Rohstoffunternehmen (einschließlich erzfördernder Unternehmen) massiv gefallen sind – dies aber wegen der schlechten Marktlage und nicht als Folge von „Divestment-Aufrufen“. Dass sich Ende Mai dieses Jahres der norwegische Staatsfonds – der bedeutendste Pensionsfonds der Welt – unter Hinweis auf den Klimawandel dazu entschlossen hat, sich aus Beteiligungen an Kohleunternehmen bzw. Unternehmen mit Kohlegeschäftsanteilen von mindestens 30 % zurückzuziehen, könnte auch einfach der Verlustvermeidung dienen. Eine Rechtfertigung über den Klimaschutz wäre indes eine fragliche Moral, hat doch der norwegische Staatsfonds den Großteil seines Vermögens ursprünglich vor allem aus den staatlichen Rohöleinnahmen bezogen.

Auch auf der Finanzierungsseite wächst der Druck auf die Kohle. Bereits seit 2013 haben einige große internationale Entwicklungsbanken, wie beispielsweise die Weltbank, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) sowie die Europäische Investitionsbank (EIB), die Finanzierung von Kohlegeschäften und -projekten – insbesondere von Kohlekraftwerken – stark eingeschränkt. Anfang Mai dieses Jahres hat auch die Bank of America, der weltgrößte Rückfinanzierer für die Kohleindustrie, in der Veröffentlichung zu ihrer „neuen Kohlepolitik“ („New Coal Policy“ vom 6. Mai 2015) vor steigenden Risiken von Kohleinvestitionen gewarnt. Diese hätten insbesondere durch neue internationale Umwelt-und Klimaschutzgesetze, Änderungen der ökonomischen Rahmenbedingungen und infolge höherer Wettbewerbsfähigkeit der Konkurrenzenergieträger Erdgas und Erneuerbare erheblich zugenommen.

Der Weltkohleverband (WCA, London) weist im Zusammenhang mit Divestment-Aufrufen darauf hin, dass der Einsatz von Kohle bei der aktuellen und zukünftigen Deckung des globalen Primärenergiebedarfs in absehbarer Zeit unverzichtbar bleiben wird – insbesondere bei einem weltweit weiter ansteigenden Energieverbrauch. Einer ähnlichen Argumentation folgt auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Seit einiger Zeit immer wieder von Umweltverbänden ob ihrer Finanzierung ausländischer Kohleprojekte kritisiert und auch zunehmendem Druck von politischer Seite ausgesetzt, hat die KfW am 17. März 2015 ihre überarbeiteten Leitlinien zur Kohlekraftwerksfinanzierung veröffentlicht. Demzufolge legt die KfW sogar „großen Wert darauf, Kraftwerksneubauten zu finanzieren und auch die Modernisierung bestehender Kohlekraftwerke voranzutreiben. Gerade die Effizienzsteigerung und Modernisierung bestehender Kohlekraftwerke kann kurzfristig hohe CO2-Einsparpotentiale heben, bei gleichzeitig niedrigen CO2-Vermeidungskosten“. Gleichwohl hat die KfW ihre Finanzierungskriterien für Kohlekraftwerke unter Anwendung der entsprechenden Position der Bundesregierung einer Überprüfung unterzogen. Demnach sind nur klimaschutzkonforme Projekte in solchen Ländern zugelassen, die eine nationale Klimaschutzpolitik zur Verbesserung der Energieeffizienz bzw. zum Ausbau erneuerbarer Energieträger verfolgen. Auch darf nur die jeweils beste verfügbare Technik – gemäß der Europäischen Industrieemissionsrichtlinie – zum Einsatz kommen. Je nach Blockgröße werden zudem unterschiedliche spezifische Zulassungskriterien herangezogen.